Abtauchen in die Märchenwelt

Aschenbrödel

Illustration: epd-bild/akg-images

Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, veröffentlichten die Brüder Grimm die erste Auflage der "Kinder- und Hausmärchen". Viele Märchen waren französischen Ursprungs, so auch Aschenputtel.

Abtauchen in die Märchenwelt
Die Brüder Grimm mussten ihre Märchen erst "kindertauglich" machen
Märchen gelten als Kindergeschichten, aber stimmt das eigentlich? Die Brüder Grimm deuteten sie jedenfalls gewaltig um, damit sie sie als Kinderliteratur verkaufen konnten. Und bis heute sitzen Kinder gebannt und atemlos in den Vorlesestunden.

"Kennt ihr die Brüder Grimm?" Eva Wagner-Cada, Vorleserin der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar, schaut in die Kinder-Runde. "Die haben viele Märchen geschrieben", antwortet Leon und schiebt sich ein zweites Kissen in den Rücken. "Das stimmt. Eines heißt: Die goldene Gans. Kennt ihr das?" Kopfschütteln, dann tauchen die fünf Kinder ab in die Märchenwelt: Es war ein Mann, der hatte drei Söhne ....

"Die Kinder sind wie weggebeamt." Karin Kirchhain, Völkerkundlerin und Märchenerzählerin aus Marburg, hat schon in viele staunende Kinderaugen geblickt. Einmal pro Woche hält sie Märchenstunden in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken und bildet Erzieherinnen, Tagesmütter oder Demenzhelfer fort.

Märchen sind keine harmlosen Kindergeschichten

Dabei komme immer wieder dieselbe Frage: Sind Märchen nicht zu böse für Kinder? Man müsse gut überlegen, zu welchem Kind welche Geschichte passt, meint Kirchhain: "Es waren nie harmlose Kindergeschichten."

Das wussten auch schon die Märchenerzähler Jacob und Wilhelm Grimm. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, veröffentlichten die Brüder die erste Auflage der "Kinder- und Hausmärchen". Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) studierten zunächst in Marburg Jura und arbeiteten später als Bibliothekare in Kassel. Die Brüder begannen, in ihrem Umfeld Märchen zu sammeln und aufzuschreiben.

Ihre meist hochgebildeten Zuträger entstammten gutbürgerlichen, oft hugenottischen Familien. Viele Märchen waren daher französischen Ursprungs: Aschenputtel zum Beispiel, Rotkäppchen oder Dornröschen. Doch es gab schon damals Kritik: Viele Stücke seien für Kinder nicht geeignet. Die Grimms reagierten und veränderten die Geschichten für die zweite Auflage im Jahr 1819 drastisch, wie der Frankfurter Literaturwissenschaftler Hans-Heino Ewers sagt. Sie machten sie "kindertauglich" - nach den Maßstäben des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Eine schwangere Rapunzel?

"Märchen waren eine Lektüre für Erwachsene", sagt er. Und die Grimms hätten eine "gewaltige Umdeutung" vornehmen müssen. Rapunzel etwa wurde in der ersten Auflage noch "das Kleid zu eng", weil sie schwanger war. "Selbst diese harmlose Anspielung wurde in der zweiten Auflage getilgt", sagt Ewers.

"Bei den Grimms spielten wohl auch Verkaufsaspekte eine Rolle", glaubt der Autor und Leiter der Phantastischen Bibliothek, Thomas Le Blanc. Sie wollten die Märchensammlung unbedingt als Kinderliteratur verkaufen - eine schöne romantische Idee. Und die zündete. Das lag vor allem am Erzähltalent der Grimms. Für Le Blanc steht fest: "Sie waren Sprachwunder." Die Grimms gelten als Begründer der Germanistik, veröffentlichten unter anderem die "Deutsche Grammatik" und später das "Deutsche Wörterbuch". 

Und sie trafen den Märchenton, der noch heute die Herzen berührt, wie im "Froschkönig": "In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien."

Lehrreiche Erzählungen

Die Sprache der Grimms habe "einen solchen Klang, einen solchen Rhythmus", schwärmt Le Blanc, dass Erwachsene Märchen unbedingt im Original vorlesen sollten. "Die Kinder verstehen noch die alte Sprache." 

"Jetzt werden die Märchen wieder stärker in den Schulen gepflegt", sagt Le Blanc. Dennoch empfiehlt er Eltern, ihren Kindern auch vorzulesen: "In den Märchen sind so viele Weisheiten und Wahrheiten enthalten, dass das Kind plötzlich selbst anfängt zu reden." Tierliebe, Geduld, Mut, Ausdauer, aus tiefer Verzweiflung einen Lösungsweg finden, innere Kräfte mobilisieren - das alles könnten die Geschichten vermitteln, meint Karin Kirchhain. 

Aber lieben Kinder wirklich die böse Stiefmutter, das Mädchen ohne Hände, das treue Pferd Falada, dem der Schinder den Kopf abhackt? Es seien "im Wesentlichen die Erwachsenen, die den Kindern Märchen anbieten", gibt Hans-Heino Ewers zu bedenken, der Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung an der Frankfurter Universität ist.

Märchen sind keine Erfindung der Grimms

Er findet es "sehr, sehr schwer zu sagen", ob Kinder nicht doch lieber zu anderer "hochattraktiver Kinderliteratur" greifen würden - die Mädchen zu "Wir Kinder aus Bullerbü", die Jungen zu "Jim Knopf". Ewers bedauert zudem, dass die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, die nach 1819 einen Siegeszug durch Europa antraten, viele andere alte Märchen komplett verdrängten.

Die Hochzeit der Märchendichtung lag vor den Grimms, im 17. und 18. Jahrhundert. Doch niemand kennt heute mehr den italienischen Märchendichter Giambattista Basile oder den Franzosen Charles Perrault, bei dem sich die Grimms eifrig bedienten. Im Jubiläumsjahr solle man zwar der Grimms gedenken, aber sich auch von ihnen lösen "und die Vielfalt der Märchen wiederentdecken", sagt Ewers. Und Märchenerzählerin Kirchhain rät auch den Erwachsenen, mal wieder zum Märchenbuch zu greifen: "In jedem Lebensalter erschließen sie sich anders."