"Jetzt ist Glück": Familie Nguyen richtet sich im Alltag ein

Familie Nguyen

Foto: epd-bild/Dieter Sell

Die vietnamesische Familie Nguyen vor der Martin-Luther-Kirche in Hoya.

"Jetzt ist Glück": Familie Nguyen richtet sich im Alltag ein
Mitten in der Nacht holen Polizisten die Familie Nguyen aus dem Bett: Abschiebung nach Vietnam, nach 19 Jahren in Deutschland. Es hagelt Proteste. Und tatsächlich dürfen die Nguyens zurückkommen. Jetzt beginnen sie ihr neues, altes Leben.

André liebt sein Baumhaus. Nachbarn und Freunde haben es auf das kleine Gartenstück an der Weser gebaut. Lachend flitzt der Sechsjährige die Leiter hoch, greift sein Fernglas und blickt einem Frachtschiff hinterher. Unten schippt seine Schwester ein wenig gelangweilt im Sand. Esther ist neun und eher nicht mehr im Baumhaus-Alter. Sie spielt lieber Klavier oder mit ihren Freundinnen. Mutter Sang zupft Unkraut aus den Blumentöpfen. Vater Duong prüft die Standfestigkeit der Pergola. "Jetzt ist Glück", sagt er in nicht ganz einwandfreiem Deutsch: "Davor war es furchtbar. Wenn wir uns daran erinnern, weinen wir."
  
Das Glück der Familie Nguyen ist dies kleine Gartenstück an der Weser in Hoya bei Bremen. Und die dazugehörige Wohnung über dem Ladengeschäft. Auch die Arbeitsstelle in der Baumschule, der Sprachkurs, die Schule, der Kindergarten, die Freunde im Ort, der Fußballverein, der Klavierunterricht. Seit fünf Monaten empfinden sie das so. Sie haben sich eingerichtet im Alltag - wieder eingerichtet, in ihrem neuen, alten Leben. Am 31. Januar waren sie aus Vietnam nach Hause zurückgekehrt, nach ihrer Abschiebung am 8. November 2011. Zurückgeblieben war damals allein die 20-jährige Tochter Ngoc Lan.

Schockierende Abschiebung

Der Fall ist einmalig in Niedersachsen und selten in Deutschland. Die Nguyens hatten 19 Jahre in Deutschland gelebt. Einen gesicherten Aufenthaltsstatus hatten sie jedoch nie. Sie waren immer nur geduldet, hatten dennoch Arbeit und deutsche Freunde gefunden. Ihre Asylanträge wurden abgelehnt, denn die Eltern hatten bei der Einreise falsche Namen angegeben. Freunde aus der evangelischen Kirchengemeinde Hoya, Anwälte und Flüchtlingsorganisationen kämpften jahrelang für ein Aufenthaltsrecht - vergeblich.

Mitten in der Nacht holten Polizisten die Eltern, Esther und André aus den Betten, brachten sie zum Frankfurter Flughafen und setzten sie in die Maschine nach Hanoi. Ein Schock vor allem für die Kinder, die nie zuvor in Vietnam gewesen waren. "Esther hat zwei Stunden lang nur geweint", erzählt die Mutter. Tränen stehen ihr bei der Erinnerung in den Augen: "Ich konnte ihr nicht helfen." Als es danach Proteste hagelte, lenkte der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) ein und leitete die Rückholung in die Wege. Der Unterstützerkreis sorgte dafür, dass Arbeitsstelle, Wohnung, Plätze in Kindergarten und Schule erhalten blieben.

Nach der Wiedereinreise ist "Glück"

Ihr Leben teilen die Nguyens seitdem ein in vorher und nachher. "Vorher hatten wir immer Angst", sagt Mutter Sang. Die drohende Abschiebung schwebte wie eine dunkle Wolke über allem. Vor sechs Jahren waren sie ihr schon einmal in letzter Minute entgangen. Sie hatten sich ins Kirchenasyl der evangelischen Gemeinde Hoya geflüchtet. Nach der Wiedereinreise ist "Glück". Ein anderes Wort will Vater Duong partout nicht einfallen. So spricht er es immer wieder mal aus und lacht dabei über das ganze Gesicht.

Jetzt setzen sie alles daran, dass ihnen dieses Glück nicht wieder verloren geht. Stolz zeigen sie vier rosafarbene Plastikkarten vor: "Aufenthaltserlaubnis" steht auf jeder geschrieben. Damit dürfen sie sich frei bewegen. Drei Jahre ist sie gültig. Die Einbürgerung ist danach das große Ziel. Fleißig verbessern sie in einem Sprachkurs ihre Deutschkenntnisse. Die Arbeitszeit in der Baumschule holen sie samstags nach.

Unsicherheit, Abschiebung und Warten hinterlassen Narben

Flüchtlingsorganisationen fordern seit langem ein Bleiberecht für langjährig in Deutschland lebende Flüchtlinge. Vor allem dürften Familien nicht durch Abschiebung auseinandergerissen werden. Minister Schünemann kündigte im März an, auf eine Änderung der Regelung im Bundesrat hinzuwirken und bekam viel Lob dafür.

Doch noch gibt es eine solche Regelung nicht, noch werden Woche für Woche Menschen abgeschoben, Familien getrennt. Und auch wenn es für die Nguyens ein glückliches Ende gab: Jahrelange Unsicherheit, Abschiebung und drei Monate Warten auf Rückkehr hinterlassen Narben.

Esther und André wurden in Kindergarten und Schule zurückgestuft. Esther wiederholt gerade die zweite Klasse. "Deshalb habe ich jetzt sogar noch mehr Freundinnen", sagt sie tapfer. "Außerdem konnten wir alle gemeinsam die Hochzeit meiner großen Schwester feiern. Das war das Schönste." Wenn sie nach ihren Gefühlen von damals gefragt wird, schweigt die Neunjährige beharrlich. Wenn die Eltern André fragen, ob er bald einmal die Großeltern in Vietnam besuchen will, schüttelt er entschieden den Kopf. Damals hatte er gedacht, er würde sein Baumhaus nicht wieder sehen.