Gewalt gegen Frauen: "Die Welt darf nicht länger schweigen"

Ordensschwester Asisa aus Eritrea in Tel Aviv

Foto: epd-bild/Debbie Hill

Ordensschwester Asisa mit einem Flüchtlingskind vor dem "African Refugee Development Center" im Süden von Tel Aviv.

Gewalt gegen Frauen: "Die Welt darf nicht länger schweigen"
Nicht nur in Indien, überall auf der Welt sind Frauen von Folter und Vergewaltigung bedroht. Im Süden der israelischen Metropole Tel Aviv sind viele Flüchtlinge aus Afrika gestrandet - Ordensschwester Asisa aus Eritrea steht Frauen bei, die auf der Flucht Opfer von Gewalttaten wurden.

Außer ihrem Kopftuch deutet nichts darauf, dass Schwester Asisa eine Nonne ist. Asisa trägt keine Ordenstracht, wenn sie afrikanische Flüchtlingsfrauen besucht, die entweder noch schwanger sind oder vor nicht allzu langer Zeit entbunden haben. Sie kommen zumeist aus Eritrea, wie Schwester Asisa selbst, oder aus dem Sudan. Fast alle haben Folter und Vergewaltigung erlitten, bevor sie Unterschlupf im Süden Tel Avivs fanden, wo das "African Refugee Development Center" mit UN-Unterstützung Wohnungen für sie bereithält.

Ein vielleicht dreijähriges Mädchen mit frisch-geschorenem Kopf wegen der Läuse zupft Schwester Asisa am Rock, bis sie das Kind auf den Arm nimmt. Azezet Kidane heißt die heute 55-jährige Nonne mit bürgerlichem Namen. Für die afrikanischen Flüchtlinge ist sie so etwas wie eine Mutter Theresa. Als 23-Jährige habe sie ein spirituelles Erlebnis gehabt, sagt sie lächelnd, "eine Vision, die wie ein Ruf der Armen war". Von da an stand fest, dass sie sich der Ordensgemeinschaft der Comboni Missionsschwestern anschließen würde.

Ein Geschenk des Himmels

Es ist eng in den kleinen Wohnungen. Betten, eine Herdplatte, ein Tischchen, mehr passt nicht in den Raum, doch es ist immer noch besser, als auf der Straße zu schlafen. Schwester Asisa hilft den Frauen bei Übersetzungen, begleitet sie zu Ämtern, medizinischen Untersuchungen und, wenn es sein muss, zum Gericht. Vor allem aber dokumentiert sie ihre Zeugenaussagen über das Leid, das den Frauen während ihrer Flucht widerfahren ist.

"Wir wurden geschlagen und in Ketten gelegt", berichtet eine 30-jährige Frau. Vier Monate lang blieb sie gefangen. "Es ging zwölf Stufen abwärts, ich habe in dieser Zeit nie die Sonne gesehen". Vier der 68 Geiseln, die mit ihr zusammen waren, starben an den Folgen von Folter und Hunger. "Wir bekamen jeden Tag nur ein Brot zu essen." Die Entführer sind Beduinenbanden. Sie jagen ihre Opfer an den Grenzübergängen, bringen sie in den Sinai und halten sie solange in ihrer Gewalt, bis die Familien hohe Lösegelder zahlen.

"Manche Dinge sind so schlimm und so beschämend, dass ich sie gar nicht wiederholen möchte", sagt Schwester Asisa. Rund 1.500 Zeugenaussagen hat sie in den vergangenen zwei Jahren gesammelt. Die gelernte Krankenschwester trifft die Flüchtlinge in der Klinik der "Ärzte für Menschenrechte" in Tel Aviv, wo sie an zwei Nachmittagen in der Woche ehrenamtlich hilft. Für die israelische Nichtregierungsorganisation ist Schwester Asisa, die Englisch, Arabisch und Tigrinya spricht, ein Geschenk des Himmels.

Anarchie im Sinai - Regierung überfordert

Die meisten Frauen tun sich schwer am Anfang, doch Schwester Asisas Wärme macht es ihnen möglich, sich doch zu öffnen. "Ich höre nur zu und halte ihre Hand. Ich höre und höre." Vor zwei Jahren haben die Banden im Sinai das düstere Geschäft mit den notleidenden Menschen entdeckt. "Manchmal möchte ich am liebsten wegrennen", sagt die Ordensschwester, die selbst Kraft aus dem Gebet schöpft. "Ohne meine Gebete könnte ich das alles nicht aushalten."

Bis zu 40.000 Dollar verlangen die Entführer von den Familien. Die ägyptische Regierung erklärte sich gegenüber der Anarchie im Sinai als überfordert. Schwester Asisa, deren Dokumentationen eine weltweite Kampagne auslösten, bekam die Auszeichnung des US-Außenministeriums für hervorragendes Engagement gegen Menschenschmuggel. "Der Preis ist unwichtig." Wie sollte ein Stück Papier etwas verändern, winkt sie ab. "Ich bitte die Welt, etwas zu tun für die Leute , die so sehr leiden. Die Welt darf nicht länger schweigen."