Spiritualität: Was Protestanten von Katholiken lernen können

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Suche nach Ruhe, Einkehr, Innerlichkeit: Auch bei evangelischen Christen gewinnen spirituelle Glaubenselemente wieder an Bedeutung.

Spiritualität: Was Protestanten von Katholiken lernen können
Christliche Spiritualität hat ihre Wurzeln im Pfingstfest, als die Apostel in Jerusalem wie durch ein Wunder begannen, mit "Feuerzungen" in allen Sprachen der Welt zu sprechen. Ohne spirituelle Erfahrungen ist der christliche Glaube seither nicht denkbar. In den reformatorischen Kirchen wurde dies allerdings lange verdrängt. Was können Protestanten heutzutage von katholischer Spiritualität lernen – und umgekehrt?

Was Spiritualität bedeutet, darüber muss Martina Patenge nicht allzu lange nachdenken. Für sie ist es ein Such-Weg, "eine Haltung, offen zu sein für die Begegnung mit Gott". Im Zentrum für Glaubensvertiefung und Spiritualität in Bingen leitet die 55-jährige Pastoralreferentin regelmäßig Exerzitien, bietet Gespräche, Schnupperkurse oder auch mehrtägige Veranstaltungen an. Die Einrichtung des katholischen Bistums Mainz steht in der Tradition der ignatianischen Spiritualität.

Ignatius von Loyola (1491-1556), Gründer des Jesuitenordens, prägte die Formel: Gott suchen in allen Dingen. Nachdenken, so sein spiritueller Ansatz, wird durch Schweigen vertieft. "Dadurch kann vieles angestoßen werden", erläutert Patenge. "Durch Reden hingegen wird das Gespräch mit Gott unterbrochen." Schweigen bildet deswegen einen zentralen Teil der Übungen.

Martina Patenge (55) ist Pastoralreferentin und Exerzitienleiterin im Zentrum für Glaubensvertiefung und Spiritualität des Bistums Mainz in Bingen. Foto: privat

Die Kursteilnehmer, so schildert es die Pastoralreferentin, kommen oft "irrsinnig erschöpft" auf dem Binger Rochusberg an. "Sie wollen ein Gespräch mit Gott, sie wollen sich aber auch erholen." Raus aus dem stressigen Alltag, rein in die Selbsterfahrung: Angebote wie "Kloster auf Zeit" liegen gegenwärtig voll im Trend. "Die Menschen wollen die Kontrastgesellschaft und die Gegenwelt", sagt Dominikanerpater Johannes H. Zabel. "Man fängt nicht mit der tiefsten Glaubenserfahrung an", so der Vechtaer Hochschulseelsorger. "Die Menschen wollen zunächst mal dem Alltag entfliehen, wollen das andere."

Johannes H. Zabel (53) arbeitet als katholischer Hochschulseelsorger in Vechta - übrigens in enger ökumenischer Gemeinschaft, KHG und ESG haben eine gemeinsame Internetseite. Foto: Bernd Buchner

Eine klösterliche Umgebung übe dabei besondere Anziehungskraft aus, so Zabel: "Sehen Sie sich mal die Buchcover zum Thema Spiritualität an: Da sind fast immer Klöster, Nonnen oder Mönche abgebildet." Für ihn hat das auch mit der Schwäche der traditionellen Gemeindekirche zu tun. Sie werde nicht mehr als besonders wahrgenommen, so der Dominikaner. Die Ordenshäuser verzeichnen hingegen Zulauf auf dem spirituellen Markt.

Kloster als "Location" attraktiv

Attraktiv sind sie nicht nur für katholische Gläubige, sondern auch für Protestanten und Mitglieder anderer christlicher Denominationen. Das Kloster als "Location" ziehe die Menschen jenseits der konfessionellen Grenzen an, beobachtet Zabel. Martina Patenge sieht das ganz ähnlich: "Für die, die eine vertiefte Glaubenserfahrung suchen, spielt die Konfession keine Rolle." Augenzwinkernd fügt sie hinzu: "Gott ist ja auch nicht konfessionell…"

Bruder Paulus Terwitte (52) ist einer der bekanntesten Ordensmänner in Deutschland. Mit seiner TV-Sendung "So gesehen – Talk am Sonntag" ist er regelmäßig bei SAT.1 zu sehen, im Kölner domradio hat er eine wöchentliche Sendung. Der Kapuzinerpater lebt im Liebfrauenkloster in Frankfurt am Main. Foto: Bernd Buchner

In Bingen sind gerade bei den langen, vierwöchigen Exerzitien viele evangelische Pfarrer dabei. In ihrer eigenen Kirche vermissen sie oft solche Angebote. Auch der bekannte Kapuzinerbruder Paulus Terwitte hat in seinem Klostern schon einmal einen protestantischen Geistlichen zu Gast gehabt – vier Monate lang. "Er war bewegt von der Regelmäßigkeit des Gemeinschaftsgebets", erzählt der TV-Mönch. Evangelische Christen, so seine Beobachtung, schätzen vor allem die Klarheit und Form der katholischen Frömmigkeit.

"Gehorsam und Gebet", so fährt Bruder Paulus fort, "gehören zusammen. Wir beten die Psalmen aus Gehorsam, weil Gott uns zusammenführt und weil Christus es will." Evangelische Christen könnten lernen, dass die darin liegende Verbindlichkeit "nicht des Teufels ist". Ganz im Gegenteil: Katholische Spiritualität, so der Kapuziner lasse sich durchaus im Sinne jener Standfestigkeit deuten, die der Reformator Martin Luther 1521 vor dem Wormser Reichstag vertrat: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders."

In diesem Sinne warnt Terwitte die Kirchen davor, "ihren Profilierungskrampf über die Spiritualität abzuhandeln". Die konfessionelle Trennung sei schon schlimm genug: "Wir sind so nah am Herrn, und so weit voneinander entfernt." Das ökumenische Lernen ist für den 52-jährigen übrigens keine Einbahnstraße: Zu seinen "geistlichen Vorbildern" zählt Terwitte, der die Herrnhuther Losungen sehr schätzt, auch den Frankfurter evangelischen Theologieprofessor Christoph Schwöbel und dessen Frau. "Da ist mir echte Spiritualität entgegengekommen."

Was wirklich wichtig ist

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Auch Martina Patenge schätzt die protestantischen Beiträge für eine christliche Spiritualität. Beeindruckt ist sie vor allem von der Kenntnis der Bibel und dem Leben mit ihr – und vom "protestantischen Ernst", mit der das Gebet verstanden werde. Die katholische Frömmigkeit erschöpfe sich hingegen manchmal im korrekten Ablauf von Riten. Es gelte hingegen, so die Theologin, "nicht zu fragen, was richtig ist, sondern was wichtig ist." Das wichtigste ist der Glaube selbst. Unmöglich, sagt Bruder Paulus Terwitte, einem Atheisten das Wesen der Spiritualität zu erklären. "Denn er fragt nur nach der Nützlichkeit, und die ist die größte Feindin der Spiritualität."