Berlin (epd). Ärzte- und Klinikverbände wollen stärker gegen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt unter Mitarbeitenden im Krankenhaus vorgehen. Zum Start eines Runden Tischs präsentierten der Marburger Bund, die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Deutsche Pflegerat am Mittwoch in Berlin ein gemeinsames Leitbild und kündigten konkrete Schritte an.
Der Runde Tisch solle Schulungen für Führungskräfte erarbeiten, erklärte DKG-Vorstandsvorsitzender Gerald Gaß. Er sagte, Fehlverhalten im Krankenhaus müsse auch Konsequenzen haben wie Ermahnungen, Abmahnungen, Kündigungen oder strafrechtliche Ermittlungen. „Wir haben dem Thema in der Vergangenheit nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt“, räumte er ein. Die Rechte von Beschuldigten müssten aber gewahrt bleiben.
Herablassung, Bloßstellung und sexuelle Belästigung
Zu dem Runden Tisch gehören neben DKG, Marburger Bund und Pflegerat weitere ärztliche und Klinikverbände. Im April hatte eine Umfrage des Marburger Bunds ergeben, dass Ärztinnen und Ärzte in Krankenhäusern innerhalb der vorangegangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch (49 Prozent von mehr als 9.000 Befragten) und sexualisierte Gewalt (13 Prozent) erlebt hatten.
Die Befragten berichteten von einem respektlosen und herablassenden Umgangston, Infragestellung der fachlichen Kompetenz sowie Mobbing und öffentliche Bloßstellung. 89 Prozent der Fälle von Machtmissbrauch und 63 Prozent der Fälle sexueller Belästigung seien von ärztlichen Vorgesetzten ausgegangen, hauptsächlich seien Männer die Täter gewesen.
Nötig sei ein Kulturwandel, teilten die Verbände mit. Das Leitbild formuliert das Ziel einer „respektvollen, sicheren und diskriminierungsfreien Arbeitskultur im Krankenhaus“. Um den Erfolg der Maßnahmen zu überprüfen, solle die Umfrage wiederholt werden. Einen Zeitpunkt dafür nannten die Verbände nicht.
Zusammenhang mit steilen Hierarchien
Die Erste Vorsitzende des Marburger Bunds, Susanne Johna, forderte Auswahlprozesse für medizinische Leitungspositionen, die sich nicht nur an der fachlichen Exzellenz orientierten, sondern auch an Kompetenzen in der Personalführung. Es sei auch eine der Aufgaben des Runden Tischs, die Eignungen der Meldestellen zu überprüfen, sagte sie. Bestehende Meldestellen seien im Kollegenkreis vielfach unbekannt, ihre Zuordnungen mitunter unklar. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Meldestellen müssten geschult sein.
Johna nannte Machtmissbrauch im Krankenhaus ein Problem, „das mit den hierarchischen Strukturen zusammenhängt“. In diesen Hierarchien habe sich oft ein Schweigen nach Fehlverhalten entwickelt. Pflegerats-Geschäftsführerin Christine Denk wies darauf hin, dass eine „Kultur der Angst“ zu schlechterer Patientenversorgung führe, weil Teammitglieder sich nicht trauten, ihre Expertisen einzubringen.




