Berlin (epd). Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur will anlässlich des 9. Novembers die deutsche Demokratiegeschichte stärker in den Fokus rücken. Wegen der NS-Pogrome an diesem Datum im Jahr 1938 und dem Fall der Berliner Mauer 1989 sei dieser Tag wie kaum ein anderer mit der deutschen Demokratie- und Diktaturgeschichte verbunden, sagte Stiftungsdirektorin Anna Kaminsky am Dienstag in Berlin.
Die Bildungseinrichtung plädiert dafür, die beiden Diktaturen gemeinsam zu betrachten. „Am 9. November trauern wir um die Opfer der Pogrome von 1938 und würdigen den Mut derer, die 1989 den Fall der Mauer möglich machten“, sagte Kaminsky. Das Wissen um historische Gemeinsamkeiten und Unterschiede schütze davor, die NS-Verbrechen kleinzureden oder die SED-Diktatur schönzureden. Antisemitismus trete heute wieder offen in Deutschland auf und die SED-Geschichte werde politisch vereinnahmt, verklärt oder kleingeredet. Das sei etwa der Fall, wenn manche die Bundesrepublik als „DDR 2.0“ bezeichneten.
40 Jahre Teilung und Diktatur, 40 Jahre Einheit und Demokratie
Anlässlich der 40. Jahrestage der Wiedervereinigung 2030 und des Mauerfalls 2029 will die Stiftung ein Erinnerungs-Netzwerk schaffen. Im Rahmen der Initiative „40/40: Geteilte Geschichte - Gemeinsame Gegenwart“ sollen Museen, Schulen, Kommunen, Verbände und andere Einrichtungen bei eigenen Gedenkprojekten unterstützt werden. Die Stiftung erklärte, wenn sich friedliche Revolution und deutsche Einheit 2029 und 2030 zum 40. Mal jährten, stünden vier Jahrzehnte Diktatur und Teilung vier Jahrzehnten Freiheit und Einheit gegenüber.
Die Stiftungsreferentin Jenny Baumann sagte: „Wer 2029 erinnern will, muss jetzt schon mit den Planungen anfangen.“ Darum seien mit mehr als 6.300 Anschreiben Kommunen, Abgeordnete, Behörden, Kirchen und andere Institutionen kontaktiert worden. Es gebe bereits zahlreiche Rückmeldungen. So soll das Thema etwa auf dem deutschen Katholikentag 2030 behandelt werden. Auch mit den Organisatoren der Tour de France sei die Stiftung in Kontakt. Das berühmte Radrennen könnte 2029 zum Jubiläum der Friedlichen Revolution in Ostdeutschland starten. Zu den deutschen Bewerbungen gibt es noch keine abschließende Entscheidung.
Angebot eines historischen Kalenderdienstes
Ab sofort bietet die Bundesstiftung auch einen historischen Kalenderdienst an. Die Datenbank verzeichne mehr als 5.200 Ereignisse aus der Geschichte kommunistischer Diktaturen. Für das Frühjahr 2027 werde ein bundesweites Netzwerktreffen vorbereitet. Ab dann stehe auch die Plakatausstellung „DNA des Ostens? Jugend im Umbruch“ zur Verfügung, die sich den Erfahrungen junger Menschen in den 1990er und frühen 2000er Jahren widmet. 2026 fördert die Stiftung bereits 70 Projekte im Schwerpunkt „Geteilte Geschichte - Gemeinsame Gegenwart“.
Stiftungsdirektorin Anna Kaminsky wies darauf hin, dass ein großer Teil der Menschen in Deutschland die Zeit der Teilung sowie der NS-Diktatur nur noch aus zweiter Hand kennen. „Wir sehen in der Stiftung eine Chance, in diesen Jahrestagen Motoren der Erinnerungsgeschichte zu schaffen“, sagte sie. Damit solle Aufmerksamkeit für diese Themen geschaffen werden.




