Bremen (epd). Der Soziologe Nils C. Kumkar warnt in der Debatte um die Gewalt nach den Schülerprotesten am vergangenen Samstag vor einer Verfestigung von Ressentiments und Angstbildern. „Man kann beobachten, dass sich da etwas aufschaukelt“, sagte der Protest- und Polarisierungsforscher der Universität Bremen am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Die behauptete Verbindung von Migranten und Linksextremisten zu einem Bedrohungsszenario sei ein sich zunehmend etablierender Deutungsrahmen, der „gesamtgesellschaftliches Gruseln“ hervorrufe und politisch in Dienst genommen werde, erklärte Kumkar. „Ich gehe davon aus, dass einzelne Akteure das auch bewirtschaften“, sagte er. Dieser Deutungsrahmen verstärke sich jedoch auch selbst durch Medienberichte.
Ankündigung einer „härteren Gangart“
Am Samstag hatten nach Angaben der anmeldenden Initiative „GenZ regelt“ bundesweit in Dutzenden Städten rund 120.000 junge Menschen für bessere Bildung, Klimaschutz und Zukunftschancen demonstriert. Nach den Kundgebungen kam es vor allem in Frankfurt am Main zu Gewalt und Plünderungen einzelner Geschäfte, auch in Hamburg oder Köln kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) sprach anschließend davon, die Gewalttäter seien „migrantisch geprägt“ gewesen. Die meisten Festgenommenen seien aber deutsche Staatsbürger gewesen. Poseck kündigte eine „härtere Gangart“ an, man wolle stärker gegen Strukturen von „gewaltbereiten Menschen mit Migrationshintergrund“ vorgehen.
Kumkar sagte dem epd, Äußerungen wie die Posecks seien „hinreichend unscharf, so dass man alles darin einordnen kann“. Dass Tatverdächtige einen Migrationshintergrund hätten, habe in einer Stadt wie Frankfurt, in der mehr als die Hälfte der jungen Menschen Wurzeln in anderen Ländern hätten, „keinen sachlichen Informationswert“.
Warnungen als sich selbst erfüllende Prophezeiung
Die politische Kommunikation greife zudem im Nachgang der Demonstrationen auf Erklärungsmuster zurück, die sie bereits im Vorfeld benutzt habe und die in diese Erzählung passten, kritisierte Kumkar. Vor den Protesten hatten mehrere Politiker vor Gewalt gewarnt. Die Initiative „GenZ regelt“ hatte allerdings stets ihren Willen zu friedlichen Demonstrationen betont.
Diese Warnungen vor Gewalt könnten Kumkars Worten zufolge eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gewesen sein. Für manche Randalierer könne das „fast wie eine Reklame gewirkt“ haben, sagte er. Die Ankündigung einer harten Reaktion sei da fast so etwas wie eine „Einladung zur zweiten Runde“. Umgekehrt sei es wahrscheinlich, dass die Warnungen friedliche junge Menschen davon abgehalten hätten, sich auf der Straße für ihre Belange einzusetzen.




