Bremen (epd). Der Soziologe Nils C. Kumkar sieht in den Reaktionen auf die angekündigten Proteste der Generation Z eine zunehmend autoritäre Bearbeitung politischer Konflikte. Niemand wisse genau, wer die Gruppe „GenZ regelt“ sei, sagte der Protest- und Polarisierungsforscher der Uni Bremen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dennoch werde überwiegend über die vermutete Gewalttätigkeit der Proteste gesprochen, für die ihm derzeit keine Anhaltspunkte bekannt seien.
Am 31. Oktober will die Initiative „GenZ regelt“ nach französischem Vorbild Proteste in Deutschland organisieren. In Frankreich sind die Proteste teils gewalttätig eskaliert.
Ursachen der Proteste geraten aus dem Blick
Durch die Konzentration auf Sicherheitsfragen gerate aus dem Blick, warum die Menschen überhaupt protestieren, kritisierte Kumkar. „Leute mit Problemen werden selbst zum Problem.“ Ähnliche Muster erkenne er in den Debatten über die Proteste der „Letzten Generation“: Im Mittelpunkt hätten die Protestformen gestanden, während die Ursachen und Folgen des Klimawandels in den Hintergrund geraten seien.
In dieser Form der Debatte liege eine Gefahr für das demokratische System, warnte der Wissenschaftler. Wenn es nur noch um die Form des Protests gehe, würde nicht mehr gefragt, wie ein Problem gelöst werden könne: „Der demokratische Diskurs schneidet sich so selbst von seinen Möglichkeiten zur Welterkenntnis ab“, erläuterte er, „das politische System insgesamt wird weniger lernfähig.“
Die angekündigten Proteste sollten Anlass sein, über die mangelnde Qualität des deutschen Bildungssystems zu sprechen, sagte Kumkar weiter. So liege etwa die jüngste Pisa-Studie vom September 2026 nur wenige Wochen zurück. Es könnte auch über die Zukunftsängste und Perspektiven der jungen Generation gesprochen werden. Selbst wenn es am 31. Oktober zu Ausschreitungen kommen sollte, wäre es aus seiner Sicht für die Demokratie gefährlicher, die Proteste bereits im Vorfeld zu unterbinden.
Kumkar sieht antikommunistische Projektionen
Er halte die Debatte über die Proteste für „von Projektionen geprägt“, erklärte Kumkar. Er beobachte ein „antikommunistisches Fantasma, das weitestgehend ohne Kommunisten auskommt“. Anders als noch in der Weimarer Republik stellten Linke heute weit überwiegend das demokratische System nicht infrage. „Und selbst wenn einige es tun, ist die Frage, ob davon eine Gefahr ausgeht, die diese Reaktionen rechtfertigt“, sagte er.
Das Thema Migration werde in Deutschland ebenfalls fälschlicherweise zur Erklärung der Proteste in Frankreich herangezogen, erklärte Kumkar, viel mehr als in Frankreich selbst. Dafür diskutierten die Franzosen stärker die Polizeigewalt als Faktor, der Eskalationen befördert habe.




