Nachkommen von Genozid-Opfern aus Namibia dringen auf Gerechtigkeit

Nachkommen von Genozid-Opfern aus Namibia dringen auf Gerechtigkeit
Mehr als 120 Jahre nach dem Völkermord an den Ovaherero und Nama fordern Vertreter der Volksgruppen aus Namibia im Bundestag eine echte Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen.

Berlin (epd). Reparationen, Mitsprache und Rückgabe von Gebeinen: Mehr als 120 Jahre nach dem Völkermord an den Ovaherero und Nama fordern Vertreter der beiden Volksgruppen von der Bundesregierung die aus ihrer Sicht überfällige Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia. „Entwicklungshilfe kann umfassende, echte Reparationen nicht ersetzen“, sagte Chief Mutjinde Katjiua von der Ovaherero Traditional Authority am Mittwoch in Berlin. Gaob Daniel Timotheus Fredericks von der Nama Traditional Leaders Association betonte, als unmittelbare Nachkommen der Opfer des Genozids müssten Ovaherero und Nama endlich direkt am Versöhnungsprozess beteiligt sein. „Wir wollen nicht, dass über uns gesprochen wird. Wir wollen, dass man mit uns spricht“, sagte er.

Am Abend sollte der Bundestag in Berlin über zwei Oppositionsanträge zur vollständigen Anerkennung der Völkermorde an den Ovaherero und Nama beraten, die von den Fraktionen Linke und Grüne eingereicht worden waren. Auf Einladung der Linken-Fraktion sollten jeweils zwei Vertreter der Ovaherero und Nama der Plenardebatte beiwohnen.

Bislang keine Beteiligung der Volksgruppen am Versöhnungsprozess

Eine tatsächliche Aufarbeitung der vor über 120 Jahren vom damaligen deutschen Kaiserreich begangenen Kolonialverbrechen stehe nach wie vor aus, betonte Katjiua. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge wurden zwischen 1904 und 1908 rund 80 Prozent der Ovaherero und 50 Prozent der Nama ausgelöscht. Insgesamt entsprach das rund 100.000 Opfern, es handelt sich um den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. Überlebende wurden in Konzentrationslagern festgehalten, Land und Besitz enteignet.

Seit 2015 verhandelt die Bundesregierung mit der namibischen Regierung über ein Versöhnungsabkommen. Vertreter der Ovaherero und Nama waren daran nicht beteiligt. Die Bundesregierung erkannte die Gräueltaten 2021 als Völkermord an. Zugleich sagte Deutschland ein Programm zur Unterstützung der Nachfahren in Höhe von 1,1 Milliarden Euro über einen Zeitraum von 30 Jahren zu. Rechtliche Ansprüche auf Entschädigung sollen sich daraus aber nicht ableiten lassen.

Die Auswirkungen des Genozids und der Enteignungen seien in Namibia bis heute zu spüren, betonte Fredericks. Seit Jahrzehnten fordern demnach Ovaherero und Nama finanzielle Reparationen, die Rückgabe geraubter menschlicher Gebeine und Kulturgüter sowie eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung.

Grüne und Linke: Regierung muss Verantwortung für Kolonialverbrechen übernehmen

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Charlotte Neuhäuser betonte: „Weil die Nachfahren der Opfer bis heute Gerechtigkeit einfordern und dabei von beiden Regierungen systematisch aus den Wiedergutmachungsverhandlungen ausgeschlossen werden, gibt unser im Bundestag eingebrachte Antrag den Ovaherero und Nama eine laute Stimme.“ Angehörige beider Volksgruppen hätten bei der Formulierung des Linken-Parlamentsantrags direkt mitgewirkt.

Der politische Prozess zwischen den Regierungen in Namibia und Deutschland stehe weitestgehend still, heißt es im Antrag der Grünen-Fraktion. „Die Anerkennung des Völkermords und eine offizielle Entschuldigung dürfen nicht länger vom Abschluss der Gemeinsamen Erklärung abhängig gemacht werden“, forderte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Jamila Schäfer. Mit der Rückgabe von Gebeinen und geraubten Kulturgütern, mehr Aufklärung über die Kolonialverbrechen an deutschen Schulen und einer Bundestagskommission zur Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte könne die Bundesregierung auch jetzt Verantwortung übernehmen.