Trier (epd). Forschende der Universität Trier haben für die Nachkriegszeit zwischen 1946 und 1966 mindestens 335 Kinder und Jugendliche als Betroffene sexualisierter Gewalt im dortigen Bistum identifiziert. Die Zahl der Beschuldigten liege damit in dieser Zeit der Amtsführung der Trierer Bischöfe Franz Rudolf Bornewasser und Matthias Wehr bei 123, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten letzten Zwischenbericht zu sexuellem Missbrauch im Bistum Trier. Eine harte Sanktionierung sei die Ausnahme geblieben, mit den meisten beschuldigten Priestern sei „milde“ umgegangen worden.
Die Historikerinnen und Historiker um Lena Haase und Lutz Raphael haben für die untersuchte Amtszeit von Bornewasser (1946-1951) zudem einen Anteil von 50 Prozent weiblichen Betroffenen festgestellt - im Gegensatz zu 31,5 Prozent männlichen und 18,4 Prozent unbekannten Geschlechts. „Sexuelle Gewalt und 'Verrohung' der Sexualität waren Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs, die sich noch bis in die 50er erstreckten“, erläuterte Haase. So sei jeder fünfte zwischen 1946 und 1949 geweihte Priester im Bistum Trier zum Beschuldigten beziehungsweise Täter geworden.
Sorge vor Ansehensverlust führte zu härteren Sanktionen
Außerdem lassen sich der Untersuchung zufolge noch Auswirkungen der NS-Strafverfolgung in den letzten Jahren der Amtszeit von Bornewasser beobachten. Er war bereits seit 1922 Bischof von Trier. Kirchenfeindliche Propaganda und laufende Strafverfahren gegen Priester hätten nach 1936 zu einem „deutlich schärferen Kurs“ des Bistums gegen verurteilte Täter geführt. Dazu hätten unbefristete Aufenthalte in Klöstern sowie kirchlichen Heil- und Pflegestätten gehört. Dabei sei es um das öffentliche Ansehen und nicht den Schutz der Kinder gegangen, erläutern die Forschenden. Nach Aufhebung der NS-Gesetzgebung zu sogenannten Sittlichkeitsverbrechen, seien auch die Sanktionen wieder milder geworden.
Für die Gesamtstudie für den Zeitraum 1946 bis 2021 geht das Historikerteam mittlerweile von mindestens 782 Betroffenen sexueller Gewalt aus. Die Zahl der Beschuldigten liege wiederum bei 249, hinzu kämen drei weitere Personen ausschließlich wegen des Besitzes von Kinderpornografie. Der Abschlussbericht soll im November veröffentlicht werden.




