Studie belegt Gewalt und Missbrauch in früherem Erziehungsheim

Studie belegt Gewalt und Missbrauch in früherem Erziehungsheim
Historiker: Manche Bewohner boten sich für Geld als Strichjungen an
In einem früheren Erziehungsheim bei Hannover haben Jugendliche jahrzehntelang schwere Gewalt und sexuellen Missbrauch erlitten. Dies belegt eine historische Studie im Auftrag der heutigen Dachstiftung Diakonie.

Hannover (epd). Sexuelle Übergriffe, harte Arbeit und drakonische Strafen: Die Dachstiftung Diakonie hat am Montag eine wissenschaftliche Studie über Gewalt und sexuellen Missbrauch in einem früheren Erziehungsheim bei Hannover vorgestellt. Die Untersuchung des Berliner Historikers Uwe Kaminsky beleuchtet die Zustände auf dem Backhausenhof in Burgdorf zwischen 1965 und 1985 sowie deren Vorgeschichte. „Schläge mit der Hand oder mit dem Stock für zum Teil geringe Übertretungen gehörten bis Ende der 1970er-Jahre zur Normalität“, sagte Kaminsky.

Die damalige Außenstelle des diakonischen Stephansstifts in Hannover war ursprünglich als reformpädagogische Einrichtung konzipiert. Doch hätten jedoch harte Arbeit, ein strikter Tagesablauf und drakonische Strafen den Alltag der Jugendlichen geprägt, erläuterte der Historiker. Eine restriktive Sexualmoral begünstigte der Studie zufolge sexuelle Übergriffe durch Erzieher sowie unter den Jugendlichen selbst. Bewohner des Backhausenhofs hätten sich in ihrer Freizeit sogar als Strichjungen angeboten oder seien kriminell geworden, um sich Geld zu beschaffen.

Betroffener schildert Misshandlungen

Für ihren täglichen Arbeitseinsatz erhielten die Heranwachsenden den Angaben zufolge unter dem Deckmantel einer Therapiemaßnahme lediglich geringe Geldbeträge. Der heute 80-jährige Wolfgang Lilier aus Bremerhaven schilderte die erlittenen Misshandlungen und forderte eine Rente für die geleistete Arbeit. Zugleich begrüßte er die Absicht der Stiftung, die Ereignisse aufzuarbeiten und die Betroffenen zu begleiten.

Die Stiftungsleitung zeigte sich tief betroffen über die Schilderungen. „Wir können das erlittene Leid nicht ungeschehen machen“, schreiben die Vorstände Friedrich Ley und Jens Rannenberg im Vorwort der Studie. „Aber wir stehen zu unserer Verantwortung und bitten die Betroffenen um Verzeihung.“

Ley betonte, die Stiftung wolle Transparenz schaffen und die Betroffenen zu Wort kommen lassen. Die Studie steht nach seinen Angaben vollständig online. In den vergangenen Jahren hatten sich zahlreiche Betroffene bei der Stiftung gemeldet und von Gewalterfahrungen und Missbrauch berichtet.

Universität plant Studie für Niedersachsen

Die diakonische Einrichtung habe in den vergangenen Jahren verbindliche Beschwerdeverfahren und Schutzkonzepte für sexualisierte Gewalt aufgebaut, unterstrich die zuständige Geschäftsführerin Carola Hahne. Dennoch bleibe es entscheidend, Täterstrategien offenzulegen und Anzeichen für mögliche Übergriffe aufmerksam wahrzunehmen.

Professorin Meike Baader von der Universität Hildesheim wies auf eine derzeit laufende Aufarbeitungsstudie zur Jugendhilfe im Land Niedersachsen hin. Dazu soll vom 7. bis 9. Oktober in Hildesheim eine Fachtagung stattfinden. Privatdozentin Julia Schröder stellte ein Betroffenen-Portal vor, das im Zuge der aktuellen Studie entwickelt wurde. Dort könnten sich alle Menschen melden, die Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe erfahren oder beobachtet hätten.

Die Stiftung mit Sitz in Hannover und Gifhorn gehört mit rund 5.700 Mitarbeitenden zu den größten diakonischen Trägern in Niedersachsen.