Pilotstudie dokumentiert geistlichen Missbrauch in der Kirche

Pilotstudie dokumentiert geistlichen Missbrauch in der Kirche
Theologieprofessorin: Bistumsleitungen haben Opfer nicht geschützt
Eine Studie der Uni Münster erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bistumsleitungen in Osnabrück und Münster: Hinweise auf geistlichen Missbrauch in zwei katholischen Gemeinschaften seien über Jahre bagatellisiert, Betroffene allein gelassen worden.
25.09.2026
epd
Von Urs Christian Mundt (epd)

Münster, Osnabrück (epd). Forscher der Universität Münster sehen große Versäumnisse im Umgang der katholischen Bistumsleitungen in Osnabrück und Münster mit geistlichem Missbrauch in zwei Geistlichen Gemeinschaften. Dies ergibt eine am Freitag vorgestellte Studie der Katholisch-Theologischen Fakultät zu zwei Vereinigungen, deren Mitglieder in sektenähnlicher Weise über Jahre hinweg manipuliert, indoktriniert und unter Druck gesetzt worden seien, darunter auch Kinder und Jugendliche. Der Studie zufolge haben die Leitungen der Bistümer Hinweise zu lange nicht ernst genommen und Betroffene nicht geschützt.

Im Fokus des 2023 begonnenen Forschungsprojekts „Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ stand zum einen die kirchenrechtlich nie anerkannte „Christusgemeinschaft“. Sie wurde Mitte der 1970er Jahre von einer Franziskanerin aus Thuine im Emsland gegründet und war bis die 2010er Jahre hinein eine prägende Kraft im Bistum Osnabrück. Noch heute sind dort nach Angaben der Forscher rund 20 Priester aktiv, die der Christusgemeinschaft nahestehen.

Untersucht wurde zum anderen die Anfang der 1990er Jahre entstandene Gemeinschaft „Totus Tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster. Sie wurde 2004 kirchlich anerkannt, jedoch nach Beschwerden 2021 vom damaligen Bischof Felix Genn verboten.

Interviews mit Betroffenen

Die Studie fußt den Angaben zufolge auf 81 Interviews mit Betroffenen, 33 Interviews mit Wissens- und Verantwortungsträgern sowie auf der Auswertung kirchlicher Akten. Die Folgen des geistlichen Missbrauchs seien so schwerwiegend wie beim sexuellen Missbrauch, erläuterte die Leiterin der Studie, die Theologieprofessorin Judith Könemann. Sie reichten von Schwierigkeiten, zurück zu einer eigenständigen Lebensgestaltung zu finden, über den Verlust des sozialen Umfeldes bis hin zu körperlichen und schweren psychischen Beeinträchtigungen.

Die Bistumsleitungen hätten lange nicht durchgegriffen, auch aus Sorge, die geistlichen Aufbrüche der Gemeinschaften zu behindern. Die Missstände wurden den Forschern zufolge etwa als „Kinderkrankheiten“ bagatellisiert. Könemann forderte umfassende präventive Maßnahmen gegen geistlich-spirituellen Missbrauch in allen Diözesen, analog zu den Ordnungen zum Umgang mit sexuellem Missbrauch. Die Bistümer Osnabrück, Münster und jüngst auch München hätten damit schon begonnen. Geistlicher Missbrauch sei zudem im kirchlichen Recht als Straftatbestand zu verankern, forderte die Professorin.

Stellungnahme der Bistümer

Gefördert wurde die Studie von den Bistümern Osnabrück und Münster, der Kongregation der Thuiner Franziskanerinnen im Emsland und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Die genannten Institutionen wollen sich laut Mitteilung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz am 5. Oktober zu den Ergebnissen äußern. In einer ersten Reaktion hieß es, Ziel der Forschung sei es, die Prävention für geistlichen Missbrauch zu verbessern. Einen Dank richteten sie an alle Betroffenen, die zu der Studie beigetragen haben.