Hannover, Wolfsburg (epd). Die Wirtschaftsexpertin der Landeskirche Hannovers, Laura Bekierman, fürchtet tiefgreifende soziale Folgen durch den Stellenabbau bei Volkswagen. Wenn industrielle Arbeitsplätze wegfielen oder ihre Zukunft unsicher werde, betreffe das „nicht nur einzelne Beschäftigte, sondern die soziale Stabilität ganzer Regionen“, sagte die Beauftragte für Wirtschaft der Evangelisch-lutherischen Landeskirche dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die einstige Erwartung einer lebenslangen Beschäftigung und die damit verbundene Sicherheit trage nicht mehr.
Gerade in industriell geprägten Räumen schwäche die aktuelle Entwicklung das Vertrauen in Wirtschaft, Politik und gesellschaftliche Institutionen, betonte Bekierman. Dies werfe grundlegende wirtschaftsethische Fragen auf. „Wirtschaftlicher Erfolg darf nicht ausschließlich über kurzfristige Kostensenkung definiert werden.“ Ein Wandel sei dann sozial verantwortlich, wenn auch die Menschen, ihre Qualifikationen und die Zukunft ganzer Regionen in den Blick genommen werde.
Belastung durch Ungewissheit
Bereits die Ungewissheit über die Zukunft des eigenen Standorts oder Berufsfelds übe erheblichen psychischen Druck auf die Beschäftigten aus, sagte Bekierman. „Besonders belastend ist dabei häufig nicht nur die Veränderung selbst, sondern auch das Gefühl, keinen Einfluss darauf zu haben.“ Von den Unternehmen verlangte die Expertin deshalb eine frühzeitige Orientierung, echte Beteiligung und verlässliche Perspektiven für die Belegschaft.
Auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer seien gefordert, sich weiterzubilden und Veränderungen aktiv zu begegnen. „Gleichzeitig darf Eigenverantwortung nicht mit Alleinverantwortung verwechselt werden“, unterstrich Bekierman. Beschäftigte bräuchten Zeit und Unterstützung bei der Weiterentwicklung. Politik, Gewerkschaften und Kirchen könnten dazu beitragen, psychische Belastungen zu reduzieren und Beschäftigte handlungsfähig zu halten.
Chancen für Standorte
Trotz der aktuellen Einschnitte sieht Bekierman Chancen für die betroffenen Standorte. Als Beispiel nannte sie das Ruhrgebiet, das sich Schritt für Schritt von einer Montanregion zu einer diversifizierten Wirtschafts- und Wissensregion gewandelt habe, auch wenn dieser Prozess langwierig und nicht überall erfolgreich gewesen sei. Sicherheit könne auch das Vertrauen bedeuten, eine Veränderung bewältigen zu können - und dabei nicht alleine zu sein.



