Forscherin: Hohe Kosten von Inklusion verweisen auf Systemmängel

Forscherin: Hohe Kosten von Inklusion verweisen auf Systemmängel
Ausgaben für Schulbegleitung sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Aus Sicht der Erziehungswissenschaftlerin Birgit Lütje-Klose gibt es in diesem Bereich tatsächlich Fehlentwicklungen. Gut umgesetzte Inklusion sei aber ein Gewinn für alle.
12.09.2026
epd
epd-Gespräch: Nils Sandrisser

Bielefeld (epd). Die stark gestiegenen Ausgaben für Schulbegleitungen für Kinder mit seelischen Behinderungen sind nach den Worten der Bielefelder Erziehungswissenschaftlerin Birgit Lütje-Klose vor allem ein Symptom für ein strukturell schlecht ausgestattetes Bildungssystem. Da fast alle Bundesländer die Förderschulen in vollem Umfang erhalten hätten, mangele es Regelschulen an Fachpersonal, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Die Schulbegleitungen sind dann ein Ausweg für die Schulen.“

Zudem konzentriere das deutsche Schulsystem Kinder mit Unterstützungsbedarfen zu stark, weil die Gymnasien nicht in die Inklusionspflicht einbezogen seien, sagte Lütje-Klose: „In heutigen Gesamtschulklassen haben wir manchmal bis zehn Schülerinnen oder Schüler mit verschiedenstem Unterstützungsbedarf, und zwar in der Regel nicht in Doppelbesetzung mit förderpädagogischer und allgemeiner Lehrkraft.“ Schulbegleitungen könnten das nicht immer auffangen, weil sie oft zu schlecht qualifiziert seien.

Erfahrungen aus anderen Ländern

Am Mittwoch hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass die Ausgaben für Eingliederungshilfe für junge Menschen sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt hätten. Mit Abstand die häufigsten Gründe für eine Eingliederungshilfe waren 2024 nach Angaben der Statistiker seelische Probleme oder Entwicklungsauffälligkeiten.

Wäre das Regelschulsystem besser ausgestattet, bräuchte es nicht so viele zusätzliche Ressourcen aus der Eingliederungshilfe, erklärte die Forscherin. Das könne man an Ländern wie Schweden oder Italien sehen: „Wenn ich eine Grundausstattung an Schulen habe wie beispielsweise in Schweden, mit Gesundheitsfachkräften, Sozialarbeit, Beratung und Therapien, dann kann ich auch eine größere Heterogenität der Schülerinnen und Schüler besser bewältigen.“ In Italien, wo es praktisch keine Förderschulen gebe, sei Unterricht in Doppelbesetzung Standard, und jeder Ort habe ein Gesundheitszentrum, bei dem Schulen therapeutisches Personal anfordern könnten.

Inklusion zahlt sich wahrscheinlich aus

Neben strukturellen Probleme innerhalb des Schulsystems werden nach Lütje-Kloses Aussage heute auch mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ausgewiesen als noch vor zehn Jahren. Woran das genau liege, sei unklar, doch gebe es Hypothesen. So hänge sonderpädagogischer Förderbedarf oft mit benachteiligten Lebenslagen zusammen, und zunehmend mehr Kinder wüchsen in Armut auf. Auch geflüchtete Kinder seien hoch gefährdet, ins Fördersystem zu kommen, wenn das System es nicht schaffe, sie zu integrieren.

Vorliegende Forschungsergebnisse wiesen in die Richtung, dass etwa beim Förderschwerpunkt Lernen die inklusive Beschulung positiver für die Kinder sei als ein Besuch der Förderschule, sagte Lütje-Klose. Was deren weiteren Lebensweg angehe, sei die Forschung noch nicht sehr umfassend, aber eine Studie aus der Schweiz habe beispielsweise gezeigt, dass ehemalige Inklusionsschüler langfristig häufiger in Arbeit und sozial besser eingebunden seien.