Osnabrück (epd). Politik und Gesellschaft in Deutschland und Europa sollten sich nach Ansicht des Ethikers Paul Schütze dringend über den sinnvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) verständigen. Angesichts des enormen Ressourcen-Verbrauchs großer Datenzentren und sozialpolitischer Verwerfungen sollte die KI-Nutzung viel stärker eingeschränkt werden, forderte der Philosoph und Dozent am Osnabrücker Institut für Kognitionswissenschaft im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Man darf schon fragen, ob die Datenzentren, der Energieverbrauch und all die Nebenfolgen es wert sind, dass ich mich mit einem Chatbot über meine Urlaubsplanung unterhalten kann.“
Er halte es auch nicht für sinnvoll, Chatbots für therapeutische Zwecke zu nutzen, sagte Schütze. Wenn Menschen in Not sich Chatbots oder Robotern zuwendeten, zeuge das vielmehr von einem kaputten System, in dem Menschen als Therapeuten oder Pflegekräfte fehlten: „Menschliche Interaktion sollte menschlich bleiben.“
KI nur für gemeinwohlorientierte Zwecke
Gewinnbringend könne es aber sein, erneuerbare Energien mithilfe von KI effizienter zu machen oder KI nur für gemeinwohlorientierte Zwecke einzusetzen. In jedem Fall seien eine gesellschaftliche Diskussion und klare Regeln vor allem auf EU-Ebene nötig, mahnte der Philosoph.
Europa müsse zudem in den Bau europäischer Datenzentren und die europäische Entwicklung von Algorithmen investieren, anstatt den rasanten Entwicklungen aus den USA hinterherzulaufen. „Wenn große Tech-Firmen KI-Züge aufs Gleis setzen, sollten wir als Gesellschaft doch selbst entscheiden und Kontrolle darüber haben, wohin das Gleis führt“, gab Schütze zu bedenken.
Auch die Demokratie sieht der Ethiker durch eine unregulierte KI-Nutzung in Gefahr. Teile der US-Tech-Elite seien eng mit rechtsextremen Akteuren und autoritären Regimen verbandelt. Sie häuften riesige Datenmengen an, die sie etwa an Behörden oder Versicherungen verkauften. Anhand von Daten weniger Nutzer ließen sich durch KI-Algorithmen sogar Bewegungsprofile von Menschen erstellen, die gar keine Daten freigegeben hätten.



