Bochum (epd). Von einer Gaming-Sucht ist laut Facharzt Georgios Paslakis nur eine kleine, schwer belastete Gruppe betroffen. „Die überwiegende Mehrheit der Menschen spielt unproblematisch“, sagte der Ärztliche Direktor der LWL-Universitätsklinik Bochum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Menschen, die aus Freude spielen, sind in aller Regel unauffällig.“ Gaming selbst sei somit nicht das Problem. Über kontrolliertes Spielen könnten Menschen beispielsweise abschalten oder auch Freundschaften knüpfen, erläuterte er.
„Zum Problem wird es aber dann, wenn es der einzige Ort bleibt, an dem jemand Entlastung, Zugehörigkeit und Erfolg erlebt“, unterstrich Paslakis. Zu den Anzeichen einer Sucht gehörten etwa Kontrollverlust über den Beginn, die Dauer und das Beenden des Spielens, die Priorisierung des Spielens vor anderen Lebensinteressen und das Fortsetzen des Spielens trotz negativer Folgen in vielen Lebensbereichen wie Schule, Beruf oder Beziehungen.
Männer und männliche Jugendliche überrepräsentiert
„Es gibt Menschen mit bestimmten psychischen Risikofaktoren“, erläuterte der Klinik-Leiter. Dazu gehörten eine soziale Angststörung, ADHS, Depressionen oder Autismus-Spektrum-Störungen. „Diese Belastungen können der Sucht vorausgehen, sie können aber auch Folge des exzessiven Spielens sein“, erklärte Paslakis. Unter den Betroffenen seien Männer und männliche Jugendliche deutlich überrepräsentiert. Allerdings basierten die Messinstrumente auf dem männlichen Spielverhalten. Frauen könnten möglicherweise problematisches Spielen in anderen Bereichen zeigen und durch das Raster fallen. Zurzeit laufe am LWL-Klinikum die Studie „Geschlechtsspezifische Risikoanalyse von Verhaltenssüchten“ („GRAVe“), die künftige Prävention passgenauer machen solle.
Bei einer solchen Verhaltenssucht kann laut Paslakis im Gegensatz zur Alkohol- oder Nikotinsucht der Suchtstoff nicht völlig entfernt werden. „Aus dem Internet können wir nicht aussteigen, Schule, Beruf und Behördengänge laufen alle dort“, betonte er. „Das Behandlungsziel ist nicht die Abstinenz, sondern die kontrollierte Nutzung.“ Das mache die Therapie anspruchsvoller.
Professionelle Hilfe etwa bei Schulvermeidung nötig
Pauschale Rezepte wie digitales Fasten würden deswegen nur begrenzt helfen, betonte er. „Es geht darum, Regeln zu finden, die im Alltag über lange Zeit tragen.“ Auch sei es wichtig, einen Ersatz für das Gaming zu haben, „bevor man die Lücke reißt“. Das sei das Grundprinzip jeder Suchttherapie, erläuterte der Mediziner. Sinnvoll sei auch, den Reiz zu entfernen und Geräte beispielsweise nicht in ständiger Griffweite zu haben. Professionelle Hilfe sei bei Schulvermeidung, bei Ausbildungsproblemen oder -abbrüchen, sozialem Rückzug, Verschuldung, körperlicher Vernachlässigung oder depressiven Episoden notwendig.



