Kassel (epd). Fachleute und Betroffene haben bei einem Fachtag in Kassel mehr Aufmerksamkeit für Gewalt gegen wohnungslose Menschen gefordert. „Als Stadt und Gesellschaft müssen wir Verantwortung übernehmen und mit Betroffenen ins Gespräch kommen“, sagte Stadtrat Norbert Wett (CDU) bei der Veranstaltung am Dienstag im Rathaus. Ziel sei es, Gewalt zu verringern.
Nach Darstellung der Stadt sind viele der auf der Straße lebenden Menschen regelmäßig körperlicher, psychischer oder struktureller Gewalt ausgesetzt. Bei dem vom Präventionsrat Kassel und dem Sozialen Friedensdienst veranstalteten Fachtag berichteten Betroffene von Diebstählen, Tritten, Schlägen und sexualisierter Gewalt.
Film zeigt Wohnungslose, die von Gewalt berichten
Die Kasseler Künstlerin Catrine Val stellte einen Film vor, für den sie rund ein Dutzend wohnungsloser Menschen über mehrere Wochen begleitet und interviewt hatte. „Ich fühle mich nur am Hauptbahnhof sicher, weil da Kameras sind“, sagt ein Betroffener darin. Eine Frau berichtet, sie habe den Mann, der sie vergewaltigt habe, später in der Innenstadt wiedergesehen. Er sei bis heute nicht gefasst. „Solche Gewalt findet hier jeden Tag statt“, sagte Val.
Seit 1989 seien bundesweit 693 tödliche und 2.752 nicht tödliche Angriffe auf Wohnungslose dokumentiert worden, sagte Paul Neugert von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe aus Berlin. Bei Angriffen durch andere Wohnungslose gehe es häufig um Nahrung, Kleidung und Schlaf- oder Bettelplätze. Außenstehende Täter handelten oft überfallartig. Häufig seien es Gruppen junger Männer, die Hass oder Langeweile als Motiv angäben.
Hohe Dunkelziffer bei Gewalttaten
Neugert und die Polizei gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Polizeivertreter schätzten, dass ungefähr 80 Prozent der Taten nicht bekannt oder angezeigt würden. Kriminalstatistiken seien deshalb in dieser Hinsicht kaum aussagekräftig. Da die Zahl wohnungsloser Menschen steige, wachse auch die Zahl potenzieller Opfer, sagte Neugert.



