Solingen (epd). Der Terroranschlag von Solingen beschäftigt nach Angaben der Koordinatorin der Notfallseelsorge, Simone Henn-Pausch, Teile der Stadtgesellschaft auch zwei Jahre nach der Tat noch. „Es gibt bis heute Menschen, die sagen: 'Ich meide den Innenstadtbereich!'“, sagte die Diplom-Theologin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Diese Personen verzichteten auf Besuche von Festen oder hätten Angst, wenn es an der Supermarktkasse zu Gedränge kommt. Zugleich gebe es aber auch Menschen in der Stadt, für die der Anschlag vom 23. August 2024 „kein Thema mehr“ sei und die sich davon unbeeindruckt zeigten. Beim Umgang damit existiere die „ganze Bandbreite“ an Reaktionen.
Die Erinnerungen an den Anschlag eines syrischen Asylbewerbers, bei dem drei Menschen getötet und acht Personen zum Teil schwer verletzt wurden, würden mit dem zweiten Jahrestag des Vorfalls auch bei den Einsatzkräften wieder lebendig, betonte die Koordinatorin der Notfallseelsorge, die selbst ausgebildete Rettungssanitäterin ist. Die Tat sei „in die Geschichte der Einsatzkräfte eingegangen - als ein Einsatz, an den erinnert und von dem immer wieder erzählt wird“. Hinzu kämen aktuelle Anschläge wie etwa jüngst auf dem Christopher Street Day in Berlin. „Einsatzkräfte denken dann immer wieder darüber nach, wie sie solche Veranstaltungen planen.“
Rettungskräfte zeigten „diverse Belastungsreaktionen“
Das Team der Notfallseelsorge in Solingen besteht zurzeit aus 25 Pfarrerinnen und Pfarrern der evangelischen Kirche sowie 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Nach dem Anschlag waren alle von ihnen im Einsatz gewesen. Im Anschluss habe es „diverse Belastungsreaktionen bei den Einsatzkräften“ gegeben, so Henn-Pausch. Die Betroffenen seien durch das von ihr geleitete psychosoziale Unterstützungsteam betreut worden. Zudem gab es eine psychotherapeutische Begleitung für jene, die weitergehenden Bedarf hatten.
Auch später habe es immer wieder einzelne Anfragen von Einsatzkräften zu unterschiedlichen Aspekten des Vorfalls gegeben. Von den Notfallseelsorgern war auch eine Mitarbeiterin betroffen, die an dem Abend allerdings als Rettungssanitäterin im Einsatz gewesen war. Die Frau musste beurlaubt werden und „ein halbes Jahr in Pause gehen“. Mittlerweile sei sie aber wieder als Notfallseelsorgerin im Einsatz, betonte Henn-Pausch
Wichtig für die Verarbeitung der Tat sei auch gewesen, dass man damals die evangelische Stadtkirche nahe dem Tatort auf dem Fronhof für die Bevölkerung „anbieten“ konnte. Es sei für die Stadtbevölkerung - egal welcher Konfession und Glaubensrichtung - wichtig zu wissen: „Wenn ihr Gespräche braucht, kommt einfach!“ Und auch wer nur schweigen, bei sich sein oder eine Kerze anzünden wollte, sei ebenfalls willkommen gewesen.



