Brüssel (epd). Die akute Wohnkrise treibt mehr Menschen in ganz Europa in Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit, warnt der europäische Diakonieverband Eurodiaconia. „In so gut wie allen europäischen Ländern ist die Zahl der Wohnungslosen gestiegen“, sagte Annika Sparrer von Eurodiaconia dem Evangelischen Pressedienst (epd). Hochrechnungen der Organisation „Feantsa“, des europäischen Dachverbands von Organisationen, die sich um Wohnungslose kümmern, schätzten, dass derzeit rund 1,2 Millionen Menschen in Europa wohnungslos seien, darunter 400.000 Kinder.
Betroffen seien vor allem einkommensschwache Personen, darunter Geflüchtete, aber auch EU-Bürger in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder mit niedrigen Einkommen, die mit Mieterhöhungen nicht mithalten könnten. „Unsere schwedischen Mitglieder berichten uns zum Beispiel immer wieder von alleinerziehenden Frauen“, erläuterte Sparrer. Die EU verfolgt offiziell das Ziel, Obdachlosigkeit bis 2030 zu überwinden. „Aber das Datum hält angesichts dieser Lage kaum jemand für realistisch“, sagte Sparrer.
Mieten und Preise steigen stark
Die Wohnkrise sei ein europaweites Phänomen, konstatierte Sparrer mit Verweis auf Zahlen einer Studie des Europäischen Parlaments. Demnach stiegen die Preise für Wohnimmobilien zwischen 2015 und 2024 im EU-Durchschnitt um 53 Prozent. Deutschland liege mit 38 Prozent im Mittelfeld. Den stärksten Preisanstieg verzeichneten Ungarn (plus 209,5 Prozent), Litauen (plus 135 Prozent) und Portugal (plus 124,4 Prozent). Auch Mieten wurden demnach teurer: Von 2010 bis 2025 stiegen die Mieten durchschnittlich um 28 Prozent in den EU-Staaten. Besonders stark erhöhten sich die Mietpreise in Estland (plus 220 Prozent), Litauen (plus 184 Prozent) und Ungarn (plus 124 Prozent).
Die Gründe für die Wohnraumkrise seien vielfältig, erklärte Sparrer: Es werde nicht genügend Wohnraum geschaffen, vor allem in Ballungsgebieten. Problematisch sei insbesondere ein Mangel an Sozialwohnungen und Wohnraum, der für untere Einkommen bezahlbar ist. Verstärkt würden die Probleme durch Kurzzeitvermietungen wie Airbnb und Spekulation mit Immobilien. So vielfältig wie das Problem müssten daher die Lösungen sein.
Mehr bauen reiche nicht
Es müsse mehr gebaut werden, sagt Sparrer, aber: „Mehr Häuser und Wohnungen lösen die Wohnkrise nicht automatisch. Der größte Bedarf ist in den unteren Einkommensschichten. Öffentliche Investitionen müssen daher in den sozialen Wohnungsbau fließen. Und diese Wohnungen, gefördert mit öffentlichem Geld, müssen auch in öffentlicher oder gemeinnütziger Hand bleiben“, forderte Sparrer. Außerdem müsse die EU die Spekulation mit Wohnraum eindämmen.
In Deutschland schrumpfe der Bestand an Sozialwohnungen, da jährlich deutlich mehr Wohnungen aus der zeitlich begrenzten Sozialbindung fielen, als durch Neubauten und Förderungen hinzukämen. Beispielsweise fielen allein 2025 laut Zahlen der Bundesregierung rund 57.600 Wohnungen aus der Sozialbindung, während nur knapp 27.300 neue Mietwohnungen gefördert wurden.



