Tübingen (epd). Der Tübinger Professor für amerikanische Literatur und Kulturgeschichte, Michael Butter, sieht die Verschwörungserzählungen rund um die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA als Symptom gesellschaftlicher Spannungen. „Wir sollten Verschwörungstheorien als eine Art Seismograf verstehen“, sagt er dem Evangelischen Pressedienst (epd) zum 25. Jahrestag. Sie zeigten an, „dass in unserer Demokratie und im Verhältnis vieler Menschen zum Staat etwas im Argen liegt - oft auch aus nachvollziehbaren Gründen, etwa weil sie sich ökonomisch benachteiligt oder nicht gehört fühlen“. Deshalb dürfe man Verschwörungstheorien nicht wörtlich verstehen, sollte sie aber sehr ernst nehmen. Denn diese Spekulationen könnten eine Gefahr für die Demokratie werden.
Butter warnt davor, die Dynamik hinter dem Glauben an solche Erzählungen zu vereinfachen. Eine gängige, aber wenig überzeugende Erklärung laute, Menschen stießen zufällig im Internet auf Verschwörungstheorien und würden dadurch erst misstrauisch gegenüber Staat und Eliten. Die Forschung spreche eher dafür, dass viele bereits ein starkes Misstrauen mitbringen und dann gezielt nach Inhalten suchen, die ihre Verdächtigungen bestätigen und weiter zuspitzen. „Verschwörungstheorien sind in diesem Sinne vor allem ein Symptom - nicht die Ursache“, so Butter, der einige Standardwerke zum Thema verfasst hat.
Tipps für den Dialog
Der Kulturwissenschaftler gibt Tipps für den Umgang mit Menschen, die an solche Theorien glauben. Es bringe in der Regel nichts, jemandem einfach zu sagen: „Das ist eine Verschwörungstheorie, das stimmt alles nicht, und ich erkläre dir jetzt, wie es wirklich war.“ Sinnvoller sei es, offene Fragen zu stellen: „Ich möchte verstehen, warum du das glaubst, warum du diese Personen für Expertinnen und Experten hältst und warum du den Quellen, denen ich vertraue, misstraust.“ Dabei könne es vorkommen, dass Menschen auf eigene Widersprüche aufmerksam werden, die ihnen zuvor nicht aufgefallen sind, solange sie solche Inhalte nur passiv konsumieren.



