Frankfurt a.M., Kabul (epd). Vor fünf Jahren haben die Taliban in Afghanistan wieder die Macht übernommen - und die Not der Bevölkerung ist unvermindert groß. Hilfswerke warnten am Mittwoch vor Armut, Mangelernährung und einer zunehmenden Ausgrenzung von Frauen und Mädchen. Auch die Afghanistan-Politik der Bundesregierung stößt auf Kritik.
Afghanistan sei „Schauplatz einer der größten humanitären Krisen der Welt“, erklärte Caritas International. „Die Ernährungs- und Einkommenssituation im Land ist dramatisch“, sagte Veronika Staudacher, Leiterin des Caritas-Büros in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Fehlende Arbeitsplätze und fünf Dürrejahre in Folge hätten die Bevölkerung weiter verarmt und die Mangelernährung verfestigt.
„Systematische Ausgrenzung von Frauen“
Die Caritas-Büroleiterin kritisierte zudem eine „systematische Ausgrenzung von Frauen aus dem öffentlichen Leben“ sowie berufliche und schulische Verbote. Dies nehme dem Land „jede Zukunftsaussichten“, sagte Staudacher.
Vor fünf Jahren, am 15. August 2021, hatten die radikalislamischen Taliban die Hauptstadt Kabul eingenommen. Nach einem jahrelangen Krieg übernahmen sie mit dem Abzug der internationalen Militärallianz unter Führung der USA wieder die Macht in ganz Afghanistan. Auch die Bundeswehr war rund 20 Jahre an dem Einsatz beteiligt.
Kritik an deutscher Afghanistan-Politik
Laut der Hilfsorganisation Help leiden 17,4 Millionen Menschen in Afghanistan an Hunger. „Insbesondere Kinder kämpfen aufgrund der dramatischen Ernährungssituation ums Überleben“, sagte Programm-Manager Julian Loh. Armut, Klimaschocks und die Vertreibung aus Nachbarlädern verschärften die Notlage.
Misereor kritisierte derweil die Afghanistan-Politik der Bundesregierung. Das katholische Hilfswerk warf der Bundesregierung eine zunehmend direkte Anerkennung und Zusammenarbeit mit dem islamistischen Regime vor und verwies etwa auf Abstimmungen über Abschiebungen. „Das Signal aus Deutschland ist die Anerkennung des Unrechtregimes statt Solidarität und Unterstützung für die leidende Bevölkerung“, erklärte Misereor-Geschäftsführer Bernd Bornhorst.
Laut den Vereinten Nationen benötigen knapp 22 Millionen Menschen in Afghanistan humanitäre Hilfe, etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung. Zugleich stehen Hilfseinsätze aufgrund von Mittelkürzungen massiv unter Druck. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen spricht von einer erheblichen Beeinträchtigung der Arbeit.
Bedingungen für Hilfe werden schwieriger
Misereor-Geschäftsführer Bornhorst kritisierte auch Kürzungen bei deutschen Hilfsgeldern. „Die Bedingungen für die Hilfswerke, den Menschen in Afghanistan helfen zu können, werden immer schwieriger“, sagte er.
Die Taliban waren bereits von 1996 bis 2001 in Afghanistan an der Macht. Auch damals wurden Frauen und Mädchen bereits massiv unterdrückt. Die internationale Militärmission in Afghanistan, die zum vorübergehenden Sturz der Taliban führte, begann nach den Anschlägen in den USA vom 11. September 2001.



