Osnabrück (epd). Der Islamexperte Bülent Uçar erwartet nach dem CSD-Anschlag in Berlin nicht, dass die muslimische Community in Deutschland die dort weitverbreitete Verurteilung von Homosexualität überdenken wird. Die meisten Muslime lehnten Homosexualität klar ab, sagte der Islamwissenschaftler der Universität Osnabrück dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das entspreche der Mehrheitsposition in allen größeren islamischen Strömungen. Maßgebend seien dabei insbesondere Textstellen in den sogenannten Hadithen und der Schrifttradition, die für homosexuellen Verkehr die Todesstrafe fordern.
Am Samstag war ein 21-Jähriger, der als islamistischer Gefährder galt, während des Berliner CSD mit einem Transporter in eine Menschenmenge gefahren. Anschließend griff er Menschen mit einer Stichwaffe an. Eine Frau wurde bei dem Anschlag getötet, 29 Menschen wurden verletzt. Der mutmaßliche Täter wurde am Sonntag bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau getötet. Die Motive für die Gewalttat sind noch nicht geklärt.
Moderne Auslegung islamischer Texte gefordert
Die Hadithe und Gelehrtendiskurse zur Homosexualität müssten aus ihrer Zeit, dem siebten und achten Jahrhundert, heraus verstanden und historisch-kritisch eingeordnet werden, forderte Uçar. Sie seien „unter den Rahmenbedingungen der Moderne neu zu lesen“. Eine tolerante Haltung zu sexuellen Minderheiten in der Alltagspraxis lasse sich theologisch gut begründen, wenn man andere „überzeitliche Stellen“ im Koran stärker gewichte, etwa Sure 5, Vers 32: „Wenn jemand einen Menschen tötet, der keinen anderen getötet, auch sonst kein Unheil auf Erden gestiftet hat, so ist's, als töte er die Menschen allesamt.“
Derzeit gebe es nur wenige Theologen, die eine solche Neuinterpretation der Hadithe und der islamischen Rechtstradition zum Thema Homosexualität wagen. Eine solche Auseinandersetzung müsse aber stattfinden, sagte Uçar: Sonst wirkten Stellungnahmen, wonach der Islam mit islamistischen Anschlägen wie in Berlin nichts zu tun habe, wie „Lippenbekenntnisse“.
Verweis auf religiöse Autoritäten
Die religiösen Autoritäten müssten das Problem selbst erkennen, sagte der Islamexperte. Weiterer gesellschaftlicher Druck helfe dabei nicht. Die muslimische Community müsse derzeit ohnehin viel Kritik einstecken. „Uns ist nicht geholfen, wenn wir die Gemeinden marginalisieren. Das führt lediglich zur Selbstabschottung und Diskursverweigerung“, sagte Uçar.



