Friedman kündigt neue Ära der Erinnerungskultur in Bayreuth an

Friedman kündigt neue Ära der Erinnerungskultur in Bayreuth an
Bei den Bayreuther Festspielen hat der Publizist Michel Friedman einen Blick auf die unrühmliche nationalsozialistische Vergangenheit der Familie Wagner und der Festspiele geworfen. Er lobte aber auch das Engagement von Katharina Wagner.

Bayreuth (epd). Der Publizist Michel Friedman hat die Veränderung der Erinnerungskultur bei den Bayreuther Festspielen gelobt. „An diesem Wochenende beginnt es, das neue Bayreuth“, sagte er am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ im Festspielhaus und legte damit die Messlatte für künftiges Gedenken hoch: „Es beginnt eine neue Ordnung des Aufarbeitens, des Ausgrabens und des Redens, in aller Klarheit und öffentlich.“

Zugleich sprach Friedman in seiner Gedenkrede unter dem Titel „Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse“ das jahrzehntelange Schweigen in Bayreuth und in der Familie Wagner an. Als nach dem Zweiten Weltkrieg 1951 die Festspiele wieder eröffnet wurden, baten Wolfgang und Wieland Wagner darum, von politischen Gesprächen abzusehen. Man könne jedoch keine Verantwortung für die Gegenwart übernehmen und die Welt gestalten, wenn man die Vergangenheit nicht kenne.

Wagner hören mit Wissen über Vergangenheit

Der frühere stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland sagte: „Natürlich kann man die Festspiele besuchen, auch ohne schlechtes Gewissen, aber eben mit Wissen.“ Das sei zu lange von der Familie Wagner unterdrückt worden. Katharina Wagner, Urenkelin von Richard Wagner, wünsche keinen reibungslosen Verlauf. „Sie wollen, dass wir neben der Musik über Politik und Geschichte sprechen“, sagte er an Wagner gewandt.

Richard Wagner sei ein furchtbarer Antisemit gewesen. Die Familie habe in Leidenschaft, Überzeugung und Rassenwahn Adolf Hitler nicht nur empfangen, sondern sei ihm gefolgt und damit Mittäter geworden. „Heute habe ich das Wort und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören“, sagte Friedman und rief die Menschen dazu auf, sich gegen die Übernahme der Demokratie durch Rechtsextreme und gegen Antisemitismus zu engagieren. „Wir haben den Anfängen nicht gewehrt, sondern sind mittendrin.“

In ihrem 150. Bestehungsjahr wollten die Festspiele an jüdische Künstlerinnen und Künstler erinnern, die dem Judenhass, Verfolgung und Ermordung zum Opfer gefallen sind.