Rechte Gewalt: Leichter Rückgang auf hohem Niveau

Rechte Gewalt: Leichter Rückgang auf hohem Niveau
Die Opferberatungsstellen haben das zweite Jahr in Folge mehr als 3.000 Fälle rechter Gewalt verzeichnet. Sie warnen vor einer Normalisierung rassistischer und queerfeindlicher Einstellungen und den Folgen für Demokratie und Zusammenleben.

Berlin (epd). Die Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt haben im vergangenen Jahr 3.167 Angriffe verzeichnet. Gegenüber dem Rekordjahr 2024 (3.453) bedeute dies zwar einen leichten Rückgang. Dennoch bewegten sich die Zahlen weiter auf einem hohen Niveau, sagte Judith Porath, Vorstandsmitglied vom Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt am Dienstag in Berlin. Insgesamt seien 4.298 Menschen (2024: 4.861) Opfer der Gewalt geworden.

Zudem hätten zwei Menschen infolge von rechten Tötungsdelikten ihr Leben verloren. Als häufigstes Delikt wurden einfache Körperverletzungen (1.168) verzeichnet. Hinzu kämen 610 gefährliche Körperverletzungen und 20 versuchte Tötungen sowie schwere Körperverletzungen. In 1.166 Fällen sei es zu Bedrohungen und Nötigungen gekommen.

Rassismusbetroffene ziehen sich aus Öffentlichkeit zurück

Als Tatmotiv überwiege weiterhin Rassismus. Über die Hälfte aller Angriffe (1.729) sei rassistisch motiviert gewesen. Cihan Sinanoglu, der am Dezim-Institut als Leiter der Geschäftsstelle Rassismusmonitor tätig ist, führte dies etwa auf eine Normalisierung rassistischer und antisemitischer Deutungen zurück: „Menschen werden als grundlegend verschieden konstruiert.“

Sinanoglu warnte vor den gesellschaftlichen Folgen: Viele Betroffene würden ihr Leben „längst unter der Frage, wo sie sich frei bewegen können“ organisieren. Wenn sich Menschen aus öffentlichen Räumen zurückzögen, verändere dies „unsere Demokratie und unser Zusammenleben insgesamt“.

Dahinter folgten in der Statistik Angriffe gegen politische Gegner (663). Diese seien um mehr als 100 Fälle angestiegen, ein „trauriger Rekordwert“, sagte Porath. Darunter befanden sich 35 Angriffe gegen Journalisten sowie 72 auf Politiker. Diese Zahlen bewegten sich in etwa auf dem Vorjahresniveau.

Störungen und Gewalt bei CSDs

In 325 Fällen, knapp weniger als im Jahr 2024, seien die Taten aus Queerfeindlichkeit heraus entstanden. Kerstin Thost vom Verband Queere Vielfalt sagte, die Community sehe sich zunehmend queerfeindlichen Angriffen ausgesetzt. So habe es im Jahr 2025 zahlreiche Störaktionen und Gewalttaten im Umfeld von Christopher-Street-Day-Demonstrationen gegeben. In der Gesellschaft anhaltende queerfeindliche Einstellungen bezeichnete Thost als „Brückenideologie“ zu rechter Gewalt. Gleichzeitig verlören viele Communitystrukturen ihre Finanzierung, beklagte Thost.

Zudem habe es 180 antisemitische Angriffe gegeben. Zwar seien die Zahlen im Vergleich zum Jahr 2024 (354) deutlich gesunken. Die Beratungsstellen führen dies jedoch auf ein gewachsenes Dunkelfeld zurück.

Diskrepanz zu Zahlen des Innenministeriums

Das Bundesinnenministerium verzeichnete in seinem Jahresbericht der politisch motivierten Kriminalität 1.246 Fälle rechter Gewalt. Porath erklärte, dass sich das Erfassungssystem der Beratungsstellen unterscheide. Diese nähmen auch Fälle auf, die nicht angezeigt würden. Zudem hätten Strafverfolgungsbehörden „nach wie vor Probleme beim Einordnen und Erkennen“ von Fällen rechter Gewalt, argumentierte sie.

Die Beratungsstellen starteten 2015 mit der Dokumentation in sieben Bundesländern, mittlerweile sind es 13. Keine Beratungsstellen gibt es im Saarland, in Bremen und in Rheinland-Pfalz.