Studie sieht Defizite beim Stand der Inklusion

Studie sieht Defizite beim Stand der Inklusion
Der Anteil der Kinder, die eine Förderschule besuchen, sinkt einer Studie zufolge nur langsam. Das Institut für Menschenrechte vermutet, dass es zudem eine verdeckte Exklusion gibt. Eltern hätten de facto oft kein Wahlrecht zwischen Schulformen.
30.06.2026
epd
Von Nils Sandrisser (epd)

Berlin (epd). Das Recht auf inklusive Bildung wird Kindern in Deutschland einer Studie zufolge häufig vorenthalten. Die Inklusionsquote ist der am Dienstag in Berlin vorgestellten Untersuchung des Deutschen Instituts für Menschenrechte und der Frankfurter Goethe-Universität seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention nur leicht gestiegen. Die Studienautorinnen sehen Probleme vor allem in zu wenig Ressourcen für Inklusion und in einer tendenziösen Beratung.

Für die Studie wurden knapp 7.500 Eltern befragt. Nach den Worten der Studien-Mitautorin Vera Moser zeigt die Untersuchung „illegale Praktiken“, etwa dass Kinder zu Hause bleiben müssen, wenn ihre Teilhabeassistenz nicht anwesend sei.

Kein einziges Bundesland mit Qualitätssicherung

Zwischen den Schuljahren 2008/09 und 2024/25 sank der Studie zufolge der Anteil von Schülerinnen und Schülern auf Förderschulen von 4,9 auf 4,3 Prozent. Diese Exklusionsquote sei aber wahrscheinlich höher, da es in einigen Bundesländern einen Trend zu Sonderklassen in allgemeinen Schulen gebe.

Die höchste Exklusionsquote wies demnach mit 6,5 Prozent Sachsen-Anhalt auf. Auch in Sachsen und Baden-Württemberg (je 5,3 Prozent), Nordrhein-Westfalen (5,0 Prozent) und Bayern (4,7 Prozent) gingen überdurchschnittlich viele Kinder auf Förderschulen. Die geringsten Exklusionsquoten hatten Bremen (0,8 Prozent), Schleswig-Holstein (2,3 Prozent) und Hamburg (2,4 Prozent). In einigen Bundesländern stieg die Exklusionsquote in den vergangenen 17 Jahren sogar, am stärksten in Rheinland-Pfalz (plus 0,7 Prozentpunkte).

Moser sagte, in keinem einzigen Bundesland gebe es eine Qualitätssicherung für die Inklusion. Der Aufbau der Ganztagsbetreuung sei nicht inklusiv gedacht. Allgemein zeige die Studie, dass für Inklusion zu wenige Ressourcen zur Verfügung stünden. Das liege auch an der Existenz von Förderschulen, sagte sie: „Es ist am teuersten, zwei Systeme nebeneinander aufrechtzuerhalten.“

Eltern fühlen sich in Richtung Förderschulen gedrängt

Befragte Eltern bemängelten in der Studie, dass Beratungen über die richtige Schulform häufig nicht ergebnisoffen seien. 41,4 Prozent von ihnen gaben an, in Richtung einer Förderschule beraten worden zu sein, im Vergleich zu 24,2 Prozent, die antworteten, ihnen sei zur Inklusion in einer allgemeinen Schule geraten worden. Zeige eine Beratung inklusive Optionen auf, steige die Wahrscheinlichkeit, diese Option zu wählen, teilte das Institut für Menschenrechte mit, und forderte Qualitätsstandards und Leitlinien für die Beratung. Anders als von der Politik oft behauptet, hätten Eltern häufig de facto kein Wahlrecht zwischen allgemeiner und Förderschule.

Studien-Mitautorin Greta Schabram sagte, vor allem bei Kindern mit Autismus und mit sozial-emotionalem Förderbedarf seien Schulen oft unwillig, schulische Lösungen für Probleme wie etwa herausforderndes Verhalten zu finden. Das steigere die Belastungen von Eltern, die das auffangen müssten. Eltern berichteten daher oft, dass sie ihre Arbeit aufgeben mussten, um ihre Kinder unterstützen zu können, sagte Schabram: „Das sind Bedingungen, die wir uns in Deutschland nicht leisten können.“