Essen (epd). Eine Studie hat Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Kardinal Hengsbach (1910-1991) als „gut belegt und plausibel“ eingestuft. Wie die mit der Untersuchung beauftragten Wissenschaftler am Donnerstag bei der Vorlage eines Zwischenberichts erläuterten, werden die Anschuldigungen in fünf Fällen durch glaubwürdige Quellen gestützt.
Der amtierende Essener Bischof Franz-Josef Overbeck entschuldigte sich für Versäumnisse bei der Aufarbeitung eines Missbrauchsverdachts gegen Hengsbach, der dem Bistum 2011 erstmals gemeldet worden war. Johannes Norpoth, Betroffener und Mitglied der Studienbegleitgruppe, forderte, die Kirche müsse strukturelle Konsequenzen ziehen.
Studie untersucht insgesamt zwölf Fälle
Es gebe vier Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von drei minderjährigen Mädchen und einem Jungen „mit hohem Quellenwert“, teilten die Wissenschaftler mit. In einem weiteren Fall sei es zu einer deutlichen Grenzüberschreitung gekommen. Insgesamt untersuchten die Forscher zwölf Vorwürfe der sexuellen Gewalt oder des grenzverletzenden Verhaltens gegenüber Minderjährigen. Die Vorfälle hätten sich ab den 1950er bis in die 1980er Jahre zugetragen.
Gut belegt seien zudem weitere Vorwürfe gegen Hengsbach. So soll er unter anderem abwehrend auf Berichte über sexuelle Gewalt anderer Kleriker reagiert haben. Die Anschuldigungen seien nicht verfolgt worden. Destruktiver Machtmissbrauch werde ihm auch gegenüber unterstellten Klerikern vorgeworfen.
Bischof Overbeck entschuldigt sich
Dem Bistum Essen warfen die Forscher vor, Hinweisen nicht nachgegangen zu sein. Bereits in den 1980er Jahren habe es erste Missbrauchsvorwürfe gegen Hengsbach gegeben, die dieser zurückgewiesen habe. Auch dem amtierenden Essener Bischof Overbeck werfen die Wissenschaftler vor, einen Missbrauchsvorwurf gegen Hengsbach nicht verfolgt zu haben. Er habe eine Meldung aus dem Bistum Paderborn falsch abgelegt und dann „vergessen“. Overbeck entschuldigte sich dafür. Er habe sich zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen können, dass sein Vorgänger zu solch furchtbaren Taten fähig gewesen sei. „Das war mein Fehler.“ Der Bischof versprach weitere Aufarbeitung.
Eine Institution, die öffentlich Aufarbeitung verspreche, aber zentrale Informationen zurückhalte, betreibe nicht Aufarbeitung, sondern Imagepflege, kritisierte Norpoth. Das Mitglied der Studienbegleitgruppe forderte die „konsequente Übernahme institutioneller Verantwortung“ durch das Bistum.
Ins Rollen gekommen waren die Untersuchungen gegen Hengsbach, nachdem sich im September 2022 eine Frau mit Vorwürfen gegen den verstorbenen Kardinal beim Bistum Essen gemeldet hatte. Bis zur Veröffentlichung der Vorwürfe hatte es allerdings ein Jahr gedauert, so dass der Fall nicht mehr in die im Februar 2023 veröffentlichte Missbrauchsstudie im Bistum Essen aufgenommen werden konnte. Generalvikar Klaus Pfeffer entschuldigte sich dafür, dass der Fall nicht mit der „angemessenen Priorität“ behandelt worden sei. Nach der Veröffentlichung meldeten sich jedoch weitere Betroffene.
Abschlussergebnisse werden für Herbst 2027 erwartet
Das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) und das Berliner Institut für Bildung und Forschung Dissens untersuchen die Missbrauchsanschuldigungen gegen Hengsbach seit Oktober 2024. Die Abschlussergebnisse der dreijährigen Untersuchung sollen im Herbst kommenden Jahres vorliegen. Finanziert wird die Studie vom Bistum Essen, vom Erzbistum Paderborn, der Bischöfliche Aktion Adveniat, der katholischen Soldatenseelsorge und dem Zentralkomitee der Katholiken.
Der 1910 im sauerländischen Velmede geborene Hengsbach war seit Gründung des Ruhrbistums 1958 bis zu seinem Todesjahr 1991 der erste Bischof von Essen. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn hatte das Ruhrbistum eine Statue von Hengsbach vor der Domkirche entfernt. Die Stadt Essen hatte den Kardinal-Hengsbach-Platz in Friedensplatz umbenannt.




