Bischöfin Fehrs: Debatte über Sozialstaat "verhärtet und verkürzt"

Bischöfin Fehrs: Debatte über Sozialstaat "verhärtet und verkürzt"
Die EKD-Ratsvorsitzende Fehrs warnt vor einer Spaltung zwischen Leistungsempfängern und Beitragszahlern in der Diskussion über Sozialstaatsreformen. Außenminister Wadephul sagte, Deutschland müsse seine Fortschrittsversprechen anpassen.
24.06.2026
epd
Von Franziska Hein (epd)

Berlin (epd). In der Debatte über die Zukunft des Sozialstaats hat die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, mehr Solidarität und Ehrlichkeit gefordert. Die notwendigen Veränderungen dürften nicht zu einer weiteren Spaltung zwischen Leistungsempfängern und Beitragszahlern führen, sagte die Hamburger Bischöfin am Mittwoch beim traditionellen Sommerempfang der EKD in Berlin.

Zwar werde zu Recht auf den demografischen Wandel, die Generationengerechtigkeit sowie steigende Verteidigungsausgaben und eine geringere Wirtschaftskraft hingewiesen. Die Debatte sei jedoch verhärtet und verzerrt, kritisierte Fehrs. Auf der einen Seite stünden Bedürftige, denen soziale Leistungen womöglich nicht zugestanden würden, auf der anderen Seite diejenigen, die die Lasten des Systems trügen. Dabei gerate aus dem Blick, dass jeder Mensch früher oder später selbst auf Unterstützung angewiesen sein könne.

Wadephul: „Wir stehen jetzt unter Druck“

Außenminister Johann Wadephul (CDU) sagte in seinem Grußwort an die 400 Gäste, zu denen auch Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) gehörte, wenn Krisen ineinandergriffen, gerieten auch wohlhabende Gesellschaften unter Druck. „Wir stehen jetzt unter Druck. Ein Druck, der von innen kommt, aber auch von außen.“

Wadephul forderte ein Umdenken. Zwar verstehe er, dass Frustration entstehe, wenn das Fortschrittsversprechen für kommende Generationen nicht eingehalten werde. Doch die Wahrheit sei: Im Angesicht dieses fundamentalen Wandels müsse das Fortschrittsversprechen angepasst werden. „In einer Welt, die sich für manche Bürgerinnen und Bürger durch eine Ohnmachtserfahrung auszeichnet, heißt Fortschritt: Subjekt bleiben, handlungsfähig bleiben.“

Fehrs: Sozialstaat braucht Gemeinschaft

Die EKD-Ratsvorsitzende Fehrs betonte, der Sozialstaat brauche „eine starke Gemeinschaft, die ihn trägt“. Die in der Gesellschaft verankerte Solidarität dürfe nicht weiter erodieren. Als einen möglichen Ansatz nannte Fehrs eine stärkere Orientierung an lokalen und regionalen Strukturen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort zu stärken.

Zugleich warnte die Ratsvorsitzende vor einer zunehmenden Demokratiekrise. Eine neue EKD-Zielgruppenanalyse zeige, dass viele Menschen unter Verunsicherung, Kränkung und Entfremdung litten und sich nach Gemeinschaft sehnten. „Wir haben es zuvorderst mit einer Gemeinschafts- und Vertrauenskrise zu tun, und in der Folge davon mit einer Demokratiekrise“, sagte Fehrs.

Plädoyer für Empathie

Diese Gefühle machten Menschen anfällig für „die demokratiefeindliche Versuchung“ und für die vermeintliche Stärke einfacher Antworten. Wer andere abwerte, nationalistische oder sogar nationalsozialistische Parolen verbreite und von „Überfremdung“ spreche, verspreche Heilung für Enttäuschung und Schmerz, vertiefe jedoch die gesellschaftlichen Wunden, sagte die Theologin.

Dem setzte Fehrs das christliche Menschenbild entgegen. Empathie sei gerade keine Schwäche, betonte sie. Kirche und Religion könnten durch Gemeinschaft, Anerkennung und Zugehörigkeit zur gesellschaftlichen Resilienz beitragen.

Der Johannisempfang, der in diesem Jahr genau auf den Johannistag fiel, wird von der Bevollmächtigten der EKD, Anne Gidion, ausgerichtet. Sie vertritt die Interessen der evangelischen Kirche gegenüber der Politik in Berlin und Brüssel.