"Echos der Vergangenheit": Neues Mahnmal für Zeugen Jehovas

"Echos der Vergangenheit": Neues Mahnmal für Zeugen Jehovas
Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Zeugen Jehovas verfolgt, da sie Widerstand leisteten. Mit einem fünf Meter hohen Bronzemahnmal im Berliner Tiergarten soll daran von Mittwoch an erinnert werden.
18.06.2026
epd
Von Linn Manegold (epd)

Berlin (epd). Im Berliner Tiergarten wird am kommenden Mittwoch ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas eingeweiht. „Sie verweigerten den Hitlergruß und den Dienst an der Waffe“, sagte der Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Uwe Neumärker, bei der Vorstellung des Projektes am Donnerstag in Berlin: „Diese Menschen will das Mahnmal ehren.“

Das Denkmal aus unbehandelter Bronze am sogenannten Goldfischteich im Berliner Tiergarten wurde bereits aufgestellt. Mit der Zeit werde sich eine Patina entwickeln, ein „organischer Zeitstempel“, sagte der Künstler Matthias Leek, der selbst der Glaubensgemeinschaft angehört. Zehn Bäume und eine Informationstafel sollen das Kunstwerk noch ergänzen. Insgesamt hat das im Jahr 2023 vom Bundestag beschlossene Mahnmal den Angaben zufolge mehr als eine Million Euro gekostet.

„Schichtung der Erinnerung“

Die fünf Meter hohe Stele erinnert an einen abstrahierten Baumstamm. Die Oberflächengestaltung sei nicht zufällig, sondern durch das Übereinanderlegen von Aufnahmen aus der NS-Zeit von Zeugen Jehovas und Fotografien aus heutigen KZ-Gedenkstätten entstanden, sagte Leek. Mit einer Mehrfachbelichtung habe sich „eine Schichtung der Erinnerung“ ergeben. Wie „Echos der Vergangenheit“ seien so die alten Aufnahmen ein Teil des Mahnmals.

Die Zeugen Jehovas hätten aus religiöser Überzeugung Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet, hieß es. Dazu habe gehört, den Hitlergruß, den Kriegsdienst und die Mitgliedschaft in Parteiorganisationen zu verweigern. Zusätzlich hätten sie anderen Verfolgten geholfen und öffentlich über den verbrecherischen Charakter des Systems aufgeklärt.

Liegestuhlverleih für geheime Treffen

Mit dem Goldfischteich wurde ein historisch bedeutender Ort für die Zeugen Jehovas während der NS-Zeit ausgewählt. Bei einem damaligen Liegestuhlverleih eines Zeugen Jehovas an dem Teich seien geheime Treffen der ab 1933 verbotenen Organisation abgehalten worden. 13 führende Zeugen Jehovas aus dem gesamten Reichsgebiet hätten sich ab 1934 hier getroffen, um den gemeinsamen Widerstand und das Gemeindeleben im Untergrund zu organisieren.

Die Gestapo habe zwei Jahre im Netzwerk der Zeugen Jehovas ermittelt und im August 1936 schließlich eine Verhaftungsaktion am Goldfischteich durchgeführt. Insgesamt seien mehr als 15.000 Frauen und Männer der Glaubensgemeinschaft in der NS-Zeit inhaftiert worden, etwa 4.500 kamen in ein Konzentrationslager. Sie seien mit einem „lila Winkel“ stigmatisiert worden. Mehr als 1.800 von ihnen starben.

Digitale Gedenkstätte

Das Mahnmal werde mit einer „digitalen Gedenkstätte“ ergänzt, erklärte Dorothea Parak von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Auf einer Website wurden bisher etwa 550 Biografien verfolgter Zeugen Jehovas gesammelt, etwa die gleiche Zahl befinde sich bereits in der redaktionellen Abnahme. Mehr als 50 Jugendliche hätten Lebensgeschichten recherchiert, mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gesprochen und Angehörige befragt. Die sechs Projektgruppen seien dabei von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ zwischen 2024 und 2026 gefördert worden.