Papst Leo: Künstliche Intelligenz "muss entwaffnet werden"

Papst Leo: Künstliche Intelligenz "muss entwaffnet werden"
In seiner ersten Enzyklika "Magnifica Humanitas" beschreibt Papst Leo XIV. Künstliche Intelligenz als moralisch nicht neutral. Sie sei "wertvolles Hilfsmittel" und müsse dennoch "entwaffnet werden", etwa mit Blick auf Umwelt und autonome Waffen.
25.05.2026
epd
Von Almut Siefert und Susanne Rochholz (epd)

Rom (epd). Gut ein Jahr nach seiner Wahl hat Papst Leo XIV. an Pfingstmontag seine erste Enzyklika veröffentlicht. Das Lehrschreiben mit dem Titel „Magnifica Humanitas“ („Großartige Menschheit“) befasst sich mit dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) und reiht sich in die Texte zur kirchlichen Soziallehre ein. „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden“, sagte Leo, der als erster Papst an der Vorstellung einer Enzyklika teilnahm, während der Präsentation seines Textes in der neuen Synodenaula des Vatikans. Er habe das Wort „entwaffnen“ bewusst gewählt, weil „dieser Moment Worte braucht, die Aufmerksamkeit erregen, das Gewissen wecken und Wege für die Menschheit aufzeigen können“.

KI kann laut Leo nicht als moralisch neutral betrachtet werden. Sie berühre bereits viele Bereiche des Lebens und beeinflusse Entscheidungen über das menschliche Zusammenleben. „Sie verändert auch dramatisch die Art und Weise, wie Krieg geführt wird“, sagte das Kirchenoberhaupt mit Blick auf autonome Waffensysteme, „die praktisch jenseits jeglicher menschlicher Kontrolle liegen“.

Ressourcenschluckende Technologie

Leo thematisiert in seiner Enzyklika, das er an die Gläubigen und an „alle Menschen guten Willens“, also auch an Nicht-Katholiken adressierte, die Auswirkungen von KI auf die Umwelt. Aktuell erfordere sie große Mengen an Energie und Wasser, bedeute CO2-Ausstoß und verbrauche Ressourcen „in großem Umfang“, schreibt er und fordert die Entwicklung von nachhaltigeren technologischen Lösungen.

Der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri warnt in dem Schreiben vor Intransparenz bei der Kontrolle über die KI. Dass diese nicht in der Hand von Staaten, sondern von „großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren“ liege, erhöhe „das Risiko einer schiefen Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt“. Leo sieht die Menschheit in einem „Epochenwandel“. Grundsätzlich sei KI weder „eine menschenfeindliche Kraft“ noch „ein Übel“, sondern ein „wertvolles Hilfsmittel, das Vorsicht erfordert“.

Der Mitgründer des KI-Unternehmens Anthropic, Christopher Olah, saß bei der Präsentation auf Einladung des Vatikans mit auf dem Podium. Nötig seien Akteure, die „die Entwicklungen in eine bessere Richtung lenken“ und „sachkundige Kritiker, die den Forschungslabors sagen, wenn wir versagen. Wir brauchen moralische Stimmen, die sich von Anreizen nicht beirren lassen.“

Wilmer: Dokument bietet „Leitplanken für die Zukunft“

In Deutschland wurde das erste Lehrschreiben des Papstes positiv aufgenommen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, sagte, der Grundgedanke von Leo laute, Technologie sei nicht neutral. Der amtierende Hildesheimer und künftige Münsteraner Bischof zeigte sich am Montag vor Journalistinnen und Journalisten in Bonn dankbar „für dieses wegweisende Dokument, das mit dem Maßstab der katholischen Soziallehre pointiert die Gegenwart analysiert und Leitplanken für die Zukunft bietet“. Im Mittelpunkt stehe der Mensch als Gemeinschaftswesen, der sich seine Menschlichkeit angesichts technischen Fortschritts bewahren soll. Damit komme „Magnifica Humanitas“ zur rechten Zeit in eine Welt im tiefgreifenden Umbruch.

Caritas-Präsidentin Eva Welskopp-Deffaa sprach von einem „unüberhörbaren“ Appell, „den Ausbeutungs-Dynamiken entgegenzutreten und Armen und Vulnerablen eine Stimme zu geben“. Wichtige Entscheidungen über Leben und Tod, über Ausgrenzung und Zugehörigkeit dürften nie vom menschlichen Gewissen getrennt und selbstständig von KI getroffen werden. Die Laienbewegung „Wir sind Kirche“ sieht nach eigenem Bekunden „eine große Chance“, dass „Magnifica Humanitas“ zu einem weltweit beachteten ethischen Leitbild werden könnte. Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken sprach von einem „starken Zeichen“: „Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz geht es mehr denn je um den Menschen“, teilte ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp mit.

Babel oder Jerusalem

Im ersten Satz der Enzyklika schreibt der Papst: „Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“ Das Bildnis von der Wahl zwischen Babel als symbolischem Ort der menschlichen Selbstliebe und Jerusalem als Ort der Gemeinschaft und Gottesliebe zieht sich als roter Faden durch den Text.

Das erste Lehrschreiben von Papst Leo ist in fünf Kapitel unterteilt. Auf Deutsch erscheint „Magnifica Humanitas“ am 29. Juni im Verlag Herder. Die Enzyklika ist auf den 15. Mai datiert - den 135. Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika „Rerum Novarum“ von Leo XIII. (1810-1903). Die 1891 veröffentlichte Enzyklika gilt als Grundlagentext der katholischen Soziallehre.