Hannover, Berlin (epd). Pflegeverbände sehen aufgrund der hohen Benzinpreise die verlässliche Versorgung von Patienten auf dem Land gefährdet. „Die ambulante Pflege ist in besonderem Maße von steigenden Kraftstoffpreisen betroffen“, sagte die Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands für Pflegemanagement, Sarah Lukuc, dem „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ (Mittwoch). Denn Pflegefachkräfte legten täglich zahlreiche Kilometer zurück, um Patientinnen und Patienten zu erreichen. Der evangelische Verband für Altenhilfe und Pflege in Niedersachsen (Nevap) will die Entwicklung zunächst nur beobachten.
Die Mehrkosten könnten in der Regel nicht kurzfristig refinanziert werden, sagte Lukuc. "Im Ergebnis drohen Einschränkungen im Versorgungsangebot, insbesondere im ländlichen Raum. Anders als andere Branchen sind Pflegedienste in ihrer Preisgestaltung nicht frei. Wie viel für einzelne Leistungen berechnet werden kann, regeln die mit den Pflegekassen vereinbarten Gebührenordnungen.
Private Pflegeanbieter fordern Unterstützung vom Staat
Nach Ansicht des Bundesverbands privater Anbieter (bpa) sozialer Dienste mit Sitz in Berlin zeigt die aktuelle Situation, dass es auch in der Pflege unternehmerische Risiken gibt. Bisher sei seines Wissens noch kein privater Pflegedienstleister aufgrund der Spritpreise in existenzielle Not geraten, sagte der Sprecher des Verbands, Martin von Beswordt-Wallrabe. Spätestens jetzt sollte der Staat Pflegedienste dabei unterstützen, auf E-Mobilität umzusteigen.
Der Bundesverband „Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen“ (bad) in Essen forderte den Bundestag auf, Direktzahlungen zur Kompensation der gestiegenen Spritpreise zu beschließen: „Pflegekräfte können nicht vom Homeoffice aus Pflege leisten“, hieß es. Gestiegene Kosten unmittelbar an die versorgten pflegebedürftigen Menschen weiterzugeben, sei weder rechtlich möglich noch gesundheitspolitisch wünschenswert, sagte der Bundesvorsitzende Andreas Kern.
Staatlich fixierte Maximalpreise gefordert
Laut dem Deutschen Pflegeverband ist es für die Branche nur schwer möglich, die gestiegenen Betriebskosten zu stemmen. „Die engen Kalkulationssätze sind nicht dazu geeignet, derartige Kostenexplosionen dauerhaft auszugleichen“, sagte der Vorsitzende Markus Mai dem Redaktionsnetzwerk.
Die Bundesregierung müsse jetzt schnell reagieren und die Spritpreisentwicklung eindämmen, erklärte Mai. Er forderte unter anderem staatlich fixierte Maximalpreise, „damit derartige Entwicklungen letztlich nicht dazu führen, dass Dienste aufgrund der wirtschaftlichen Situation vom Netz genommen werden und die regionale Versorgungssicherheit gefährdet ist“. Gerade in Flächenregionen wirke sich die Entwicklung dramatisch aus.
Nachverhandlungen mit Pflegekassen angekündigt
Laut Andrea Hirsing vom Nevap-Vorstand in Hannover sind jedoch viele Pflegedienste - insbesondere in den Städten - bereits auf Elektrofahrzeuge umgestiegen, die zum Teil über eigene Photovoltaik-Anlagen geladen werden. Anders stelle sich die Situation in ländlichen Regionen dar, räumte sie im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) ein. Dort seien noch überwiegend benzin- oder dieselbetriebene Fahrzeuge im Einsatz.
Die notwendigen Mehrkosten müssten zu einem späteren Zeitpunkt mit den Pflegekassen im Rückblick ausgehandelt werden. „Wir werden die Situation beobachten und in der zweiten Jahreshälfte zusammen mit den anderen Wohlfahrtsverbänden und den privaten Anbietern kollektiv mit den Pflegekassen ins Gespräch gehen“, sagte Hirsing. Dies habe auch nach der Corona-Krise gut funktioniert.



