Göttingen (epd). Der Göttinger Soziologe Berthold Vogel hält Zeiten der Ruhe und des Innehaltens für zunehmend wichtig. In den sozialen Medien zum Beispiel bekämen vor allem diejenigen Aufmerksamkeit, die viel Lärm um sich machen, sagte der Leiter des Soziologischen Forschungsinstituts der Universität Göttingen dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Vielleicht brauchen wir gesellschaftlich mehr Mut zur Stille, mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung für die Stillen, ja mehr Orte der Stille?“
Die Sehnsucht nach solchen Orten und danach, dem Lärm der Welt zu entfliehen, sei groß, sagte Vogel. „Nicht umsonst erleben Retreats in Klöstern einen Boom.“ Menschen suchten dort Stille im Sinne von Konzentration.
Chancen auf Stille
Die Möglichkeit, in dieser Weise zur Ruhe zu finden, sei jedoch sozial ungleich verteilt. Es sei ein Privileg, die Chance auf Stille zu haben. „Dabei stellt sich die Frage, ob wir Stille und Schweigen nicht stärker für alle ermöglichen könnten, zum Beispiel in der Gestaltung unserer öffentlichen Räume?“ Ruhezonen in öffentlichen Parks, Ruheräume in öffentlichen Gebäuden könnten dazu Chancen bieten.
Eine Pflicht zur Stille sei allerdings immer schwieriger umzusetzen, sagte der Soziologe auch mit Blick auf Tanzverbote am Karfreitag vor Ostern. Die Bedeutung des Karfreitags oder der Karwoche sei sehr vielen Menschen nicht mehr bekannt. Am Karfreitag gedenken Christen des Todes Jesu am Kreuz.
Schweigeminuten
Dennoch gebe es Phasen einer gesellschaftlichen Stille, in denen sich auch eine kollektive Sprachlosigkeit spiegele. Bei Schweigeminuten, zum Beispiel nach Unglücken wie der Brandkatastrophe in Crans Montana, hielten Menschen kollektiv inne. „Aber diese Stille benötigt einen emotionalen Bezugspunkt, der an unser Menschsein, unser Mitleid, unsere Empathiefähigkeit, unsere Solidarität appelliert. Dann findet die Anordnung Resonanz.“ Solche Momente entfalten aus Sicht des Soziologen eine symbolische und atmosphärische Kraft.
Dabei gingen Schweigeminuten, aber auch „digitales Fasten“ oder Retreats in Wellness-Hotels im Kern auf religiöse Praktiken zurück: „Kirchen, deren Liturgie und Praxis, sind eben nicht nur Orte des Zusammenkommens, des Miteinanders, der kollektiven Feier, sondern auch Orte des 'Bei-sich-seins', des 'Zur Ruhe-Findens'.“



