Osnabrück (epd). Deutschland wäre nach Ansicht des Osnabrücker Migrationsforschers Jochen Oltmer durchaus ein mögliches Zielland für flüchtende Menschen aus dem Iran. In Deutschland lebe eine starke iranische Diaspora von mehr als 300.000 Menschen, sagte der Historiker vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Das sind natürlich Anknüpfungspunkte für Familienangehörige, die noch im Iran leben.“
Auch 2015 sei Deutschland für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien attraktiv gewesen, weil schon viele Syrer im Land gelebt hätten. Migration funktioniere immer über Netzwerke sowie verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen, betonte Oltmer. Allerdings hält er eine größere Fluchtbewegung aus dem Iran Richtung Europa unter den derzeitigen Bedingungen für unwahrscheinlich.
Transitländer haben Grenzen dichtgemacht
Aufnahme- und Transitländer wie vor allem die Türkei, aber auch Griechenland und Bulgarien, hätten ihre Grenzen dichtgemacht, betonte der Professor. Über Tausende von Kilometern seien Mauern und Grenzüberwachungsanlagen errichtet worden. „Da ist also kaum ein Durchkommen.“ Zudem sei der Iran, anders als in den 2010er Jahren Syrien, derzeit nicht von einem blutigen Bürgerkrieg betroffen. Die USA und Israel konzentrierten sich auf militärische Interventionen aus der Luft. „Wir sehen keine bewaffneten Auseinandersetzungen im Land selbst.“
Die einzig mögliche Fluchtroute aus dem Iran wäre laut Oltmer die über den Norden in Richtung Zentralasien. Das könne auch eine Möglichkeit für die etwa 2,5 Millionen afghanischen Geflüchteten sein, die sich derzeit noch im Iran aufhielten. Länder wie Turkmenistan, Usbekistan oder Tadschikistan hätten in der Vergangenheit schon viele Menschen aus Afghanistan aufgenommen.
Libanon und Sudan als weitere Krisenländer
Weitere Krisenherde, von denen Fluchtbewegungen ausgehen könnten, sieht der Migrationsexperte derzeit vor allem im Libanon und dem Sudan. Weil Hilfsorganisationen wie dem Welternährungsprogramm oder dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zu wenig finanzielle Mittel zur Verfügung stünden, könnten sie die Menschen vor Ort nicht ausreichend unterstützen. Vor allem die USA hätten sich als Geldgeber zurückgezogen.
Oltmer bezweifelte darüber hinaus, dass das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem Geas mit einer größeren Fluchtbewegung angemessen umgehen könne. Zwar lasse die Vorfeldsicherung derzeit kaum Fluchtbewegungen in Richtung Europa zu. Aber die Lager an den EU-Außengrenzen, in denen über die Asylverfahren entschieden werden solle, verfügten nur über sehr begrenzte Kapazitäten. „Und über die Verteilung der anerkannten Asylsuchenden streiten die Länder seit Jahrzehnten. Warum sollte das jetzt plötzlich funktionieren?“


