Expertin: Autismus darf nicht abtrainiert werden

Expertin: Autismus darf nicht abtrainiert werden
Schulen böten autistischen Kindern kaum ein angemessenes Lernumfeld, mahnt die Autismus-Expertin Stephanie Fuhrmann. Das könne zu lebenslanger Hilflosigkeit führen.
28.02.2026
epd
Johanna Manger (epd)

Berlin (epd). Für autistische Kinder bedeutet Schule laut der Autismus-Expertin Stephanie Fuhrmann häufig vor allem Stress. „Es ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass autistische Gehirne unter einer Art Dauerstress stehen, weil sie überall Barrieren ausgesetzt sind“, sagte Fuhrmann, die selbst Autistin ist, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Fuhrmann hat den Verein „White Unicorn“ mit Sitz in Berlin mitgegründet und setzt sich auf Grundlage wissenschaftlicher Forschung für ein autismusfreundliches Umfeld ein.

Große Klassen, Lärm, Unruhe und nicht genügend Zeit, um sich wirklich auf ein Thema einzulassen, könnten zu akuten Stressreaktionen führen, die das vegetative Nervensystem beeinträchtigten, erklärte Fuhrmann: „Die Blasen- und Schließmuskelfunktion kann versagen, sodass sie sich einnässen.“ Außerdem verschlechtere sich bei vielen die Motorik und „manche hören auf zu sprechen“.

Mit Medikamenten ruhig gestellt

Noch immer sei man „der Auffassung, dass autistische Menschen unnormal sind und sich an die 'normale' Umgebung anpassen sollen“, kritisierte Fuhrmann. In der Schule würden viele „mit Neuroleptika sediert, die sie teilnahmslos machen und ruhig stellen“. Dies sei ein völlig falscher Ansatz. Für Autistinnen und Autisten sei es existenziell, zu lernen, sich vor Stresssituationen zu schützen. Ansonsten würden sie sich den Barrieren ihr Leben lang „schutzlos ausgeliefert fühlen“ und letztendlich auch für das Arbeitsleben „unbrauchbar, weil sie nur lernen, wie man hilflos existiert“.

Wichtig sei auch, Autisten darin zu unterstützen, sich durch sogenanntes Stimming, also wiederholte Bewegungen oder Handlungen, entspannen und regulieren zu können, sagte Fuhrmann. Denn „wenn autistische Kinder nicht Dauerstress ausgesetzt sind, entwickeln sich ihre Gehirne positiv, weil sie dann einen sogenannten Ruhezustand erreichen“.

Ruhe für Hyperfokus notwendig

Viele entwickelten mit der Zeit ein Spezialinteresse, auf das sie einen Hyperfokus lenken, also sich sehr intensiv einlassen könnten. Um die nötige Ruhe dafür zu schaffen, müssten autistische Kinder die Möglichkeit haben, auch online am Schulunterricht teilnehmen oder sich in einen Ruheraum zurückziehen zu können. Bisher seien solche Ansätze jedoch unter anderem deshalb nicht umsetzbar, weil sie die schulische Anwesenheitspflicht verletzten.

Schule sollte ein Ort sein, an dem alle Kinder in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen als „neurodivergent“ betrachtet und individuell unterstützt werden. Für viele autistische Kinder seien zum Beispiel plastische Lernmethoden hilfreich. Einen Satz wie: „Die Eiche hat eine knorrige Rinde“, könnten sie viel besser verstehen, „wenn sie wirklich vor der Eiche stehen und die Rinde anfassen können“, anstatt „nur schwarze Buchstaben auf dem Papier zu sehen“.