Deutschland-Monitor: Der Osten tickt anders, aber nicht überall

Deutschland-Monitor: Der Osten tickt anders, aber nicht überall
Für den Deutschland-Monitor werden Einstellungen der Deutschen zu Veränderungen und zur Demokratie abgefragt. Die Ergebnisse sollen Aufschluss darüber geben, ob der Osten anders denkt. Die aktuelle Studie zeigt, dass es "den Osten" nicht mehr gibt.
19.02.2026
epd
Von Corinna Buschow (epd)

Berlin (epd). Die Einstellungen der Deutschen in Ost und West zu Demokratie und politischen Veränderungen unterscheiden sich auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung, nähern sich aber an. Wie aus dem am Donnerstag in Berlin vorgestellten „Deutschland-Monitor 2025“ hervorgeht, ist die Bereitschaft für Veränderungen in beiden Landesteilen etwa gleich ausgeprägt. Die Vermutung, dass im Osten die Veränderungsmüdigkeit höher sei, stimme nicht, sagte der Soziologe und Mitautor Reinhard Pollak. Einen Unterschied gibt es der Studie zufolge bei der Demokratiezufriedenheit, die im Westen stabil höher liegt, im Osten aber steigt - „was uns selbst überrascht hat“, wie der Politikwissenschaftler Everhard Holtmann sagte.

Demnach sind im Westen 62 Prozent der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden, im Osten sind es 51 Prozent. Bei der Befragung zuvor im Jahr 2023 waren deutlich weniger als die Hälfte der Ostdeutschen (43 Prozent) mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Gründe für den Anstieg des Werts liefert die Studie nicht. Die Demokratie als Staatsform wird ihr zufolge überall nicht infrage gestellt: 98 Prozent stimmen der Studie zufolge der Idee der Demokratie zu.

Skepsis vor allem in strukturschwachen Landkreisen im Osten

Für den Deutschland-Monitor wurden im Frühjahr 2025 rund 4.000 Menschen ab 16 Jahren befragt. Zusätzlich wurden im Rahmen einer vertiefenden Analyse 4.000 Menschen in ausgewählten strukturstarken und -schwachen Landkreisen im Osten und Westen befragt. Besonders dieser Teil gibt Aufschlüsse, wo im Ost-West-Verhältnis noch Unterschiede zu erkennen sind.

So zeigt sich den Autoren zufolge, dass die Bereitschaft für Veränderungen im Westen nicht davon abhängt, ob der eigene Wohnort in einem prosperierenden Landkreis liegt oder nicht. Im Osten ist das anders: In strukturstarken Landkreisen liegt sie auf gleichem Niveau wie im Westen, in strukturschwachen Landkreisen deutlich darunter. Auch die Wiedervereinigungsbilanz fällt unterschiedlich aus: Im Westen wird sie jeweils zu 55 Prozent positiv gesehen. Im Osten bewerten 72 Prozent der Menschen in Landkreisen mit hoher Prosperität die Wiedervereinigung positiv, in Regionen mit geringer Prosperität nur knapp die Hälfte (49 Prozent).

Im gesamtdeutschen Schnitt ist dem Monitor zufolge ein knappes Viertel der Menschen (23 Prozent) offen für Veränderungen, etwas mehr (26 Prozent) äußern sich kritisch. Der „breite Mittelteil“ sei ambivalent, sagte der Mannheimer Soziologe Pollak. Veränderungen werden von den Menschen insbesondere in den Bereichen Verteidigung, Migration und Wirtschaft wahrgenommen. Auf dem vierten Platz liegt der Politikbereich Umwelt und Klima.

Ostbeauftragte: Demografischer Faktor wirkt sich aus

Die Ostbeauftragte Elisabeth Kaiser (SPD) forderte als Konsequenz aus der Studie ein stärkeres politisches Engagement für strukturschwache Regionen. Strukturschwäche bilde den Nährboden für populistische Einstellungen, sagte sie. Krisen und Herausforderungen schlügen in strukturschwachen Regionen stärker zu.

Gefragt nach Fehlern der Vergangenheit sagte Kaiser, sie vermute, dass der demografische Faktor zu lange zu wenig betrachtet worden sei. Er habe Auswirkungen auf Unternehmensentwicklungen und -entscheidungen. Die ostdeutsche Bevölkerung sei älter und männlicher. Das schlage sich auch in der politischen Kultur nieder, sagte die Ostbeauftragte.