München (epd). In den Faschings- und Karnevalshochburgen steigt in den Tagen vor Aschermittwoch die Lust am Verkleiden - und ist mehr als nur Freude an originellen Kostümen, meint der Münchner Psychologie-Professor Karl-Heinz Renner. Natürlich sei der Spaß an der Kreativität wichtig, sagte Renner dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wichtig ist aber auch: In Verkleidungen lässt sich eine neue Identität ausprobieren.“ Das sei „so etwas wie ein Rollenspiel im Schutzraum der Verkleidung.“ Es sei die Möglichkeit, mal jemand ganz anderes zu sein: „Es ist ja meist nicht ganz zufällig, dass man eine bestimmte Verkleidung wählt, als Superheld, als Luke Skywalker oder auch als Star wie Lady Gaga.“
In der Psychologie werde von potenziellen Selbst- oder Idealbildern gesprochen, führte Renner aus. „Wenn die probeweise Umsetzung funktioniert, umso besser. Wenn nicht, lässt sich immer noch sagen: Das war die Rolle, die ich gespielt habe, das war Spaß, das war nicht ernst gemeint.“ So habe man einen Freiraum, in dem Verhaltensweisen ausprobiert werden könnten. In einem gewissen Rahmen dürfe auch über die Stränge geschlagen werden. „Das hat aber Grenzen, etwa wenn sexuelle Belästigungen und Übergriffe auftreten, die es im Karneval leider auch gibt und bei denen Verkleidungen und die Anonymität von Maskierungen missbraucht werden.“
Auch Konventionen und kulturelle Prägungen in bestimmten Regionen wie dem Rheinland, wo das Verkleiden in diesen Tagen einfach dazugehört, sowie Spaß an der Kreativität spielen Renner zufolge eine Rolle. „Da wirkt vielleicht auch Gruppendruck: Man will nicht ausgeschlossen, kein Spielverderber sein und verkleidet sich, weil es alle anderen auch tun.“
Ordnung außer Kraft gesetzt
Kostümierungen und Rollenwechsel haben eine lange Geschichte. „Verkleidungen gibt es schon seit Jahrtausenden. Wir kennen das beispielsweise aus keltischen Riten, die Verkleidungen genutzt haben, um den Winter zu vertreiben. In den römischen Saturnalien, Roms wichtigstem Volksfest zu Ehren des Gottes Saturn, wurde die etablierte Ordnung vorübergehend außer Kraft gesetzt, die soziale Ordnung umgekehrt. Dann haben die Herren die Sklaven bedient.“
In der Gegenwart hätten psychologische Versuche gezeigt: Kleider könnten sich über ihre symbolische Bedeutung hinaus auf kognitive Prozesse auswirken, auf Stimmungen, Aufmerksamkeit, Verhaltensweisen, erklärt der Wissenschaftler, der an der Bundeswehr-Universität in München am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik arbeitet. „Kleider machen Leute - in dem Satz steckt ein Kern Wahrheit.“


