Hamburg (epd). Künstliche Intelligenz wird nach Einschätzung des Arbeitsmarktforschers Carl Benedikt Frey voraussichtlich zu Jobverlusten in Industrieländern führen. „Wir werden erleben, dass viel mehr von dieser Arbeit in Niedriglohnländer verlagert werden wird, wo Menschen mithilfe von KI ihre Produktivität steigern“, sagte der Professor für die Zukunft der Arbeit an der Universität Oxford in einem Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Ausgabe 5. Februar).
Frey leitet an der Universität Oxford das Programm „Future of Work“ und zählt zu den einflussreichsten Arbeitsmarktforschern weltweit. Eine von ihm mitverfasste Studie kam 2013, also lange vor ChatGPT, zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent der Arbeitsplätze in den USA automatisierbar seien. In der Studie wurde beispielsweise gefragt: Was passiert mit Industriearbeitern, wenn Roboter eingesetzt werden?
Von KI profitieren gering qualifizierte Arbeitskräfte
Mit Blick auf die heutige Arbeitswelt sagte Frey: „Heute würde ich eine ganz andere Frage stellen: Bei welchen Tätigkeiten senkt KI die Eintrittsbarrieren? Also: Welche Berufe können plötzlich auch von Menschen ausgeübt werden, die früher keine Chance auf diese Tätigkeiten hatten - weil künstliche Intelligenz ihnen dabei hilft?“
Generell senke KI die Eintrittsbarrieren bei Wissensarbeit und in der Produktion von Inhalten, etwa von Texten. Davon profitierten unerfahrene, gering qualifizierte Arbeitskräfte, weil sie durch KI produktiver würden und weil sie ihre Arbeitskraft von überall aus anbieten können. „Ein Softwareentwickler in Manila verdient weit weniger als einer in Frankfurt“, führte der Ökonom aus. Das Ergebnis sei eine verstärkte Abwanderung von Arbeit.
Beispiel: Wandel im Taxigewerbe
Als Beispiel für den Wandel der Arbeitswelt durch moderne Technik nannte Frey die GPS-Technologie im Taxigewerbe: „Früher war es wertvoll zu wissen, wie jede Straße in Hamburg oder Berlin heißt. Heute, mit GPS und Plattformen wie Uber, kann im Grunde jeder nebenbei Geld als Taxifahrer verdienen, sofern das Gesetz es erlaubt“, erklärte der Arbeitsmarktforscher.


