Ärzteverband warnt vor Abschaffung der telefonischen Krankschreibung

Ärzteverband warnt vor Abschaffung der telefonischen Krankschreibung
Baas: Arbeitgeber sollen Bedingungen am Arbeitsplatz verbessern
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat eine Überprüfung der telefonischen Krankschreibung angekündigt, nachdem Bundeskanzler Merz (beide CDU) sie kritisiert hatte. Gesundheitsexperten halten das für eine schlechte Idee.
21.01.2026
epd
Von Nils Sandrisser (epd)

Berlin (epd). Nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) eine Verbindung zwischen telefonischer Krankschreibung und hohen Krankenständen gezogen hat, widersprechen ihm Experten, Oppositions- und Koalitionspolitiker. Markus Beier, der Vorsitzende des Hausärzteverbands, sprach von einem „Arbeitgebermärchen“. Der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, machte indessen sogar Arbeitgeber für hohe Krankenstände mitverantwortlich.

Merz hatte kritisiert, dass der Krankenstand in Deutschland zu hoch sei und gesagt: „Eine der Ursachen ist sicherlich auch die leichte Krankschreibung durch telefonische Krankschreibungen.“ Er stellte deswegen die Möglichkeit infrage, ohne Praxisbesuch eine Krankschreibung bekommen zu können. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erklärte daraufhin, die Regelung zur telefonischen Krankschreibung zu überprüfen.

„Arbeitgebermärchen“

Arbeitgeber kritisieren schon seit Längerem die telefonische Krankschreibung. Der Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands Chemie sagte der „Rheinpfalz“ (Mittwoch), die Schwelle für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sei durch dieses Instrument und die Art und Weise, wie es vielfach gehandhabt werde, gesenkt worden.

Hausärzte-Verbandschef Beier warf im „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ (Mittwoch) Arbeitgebern dagegen vor, ihre Kritik habe keine belastbare Grundlage. „Es bleibt nur zu hoffen, dass die Politik sich an die Fakten hält, statt auf das Arbeitgebermärchen hereinzufallen“, sagte er. Alle bisherigen Auswertungen der Krankenkassen bestätigten, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu einem höheren Missbrauch bei Krankschreibungen führe.

Beier stellte klar, dass es für die Krankschreibung per Telefon klare Regeln gebe. „Wer die telefonische Krankschreibung abschafft, der trägt die Verantwortung dafür, dass sich in Zukunft wieder unzählige Patientinnen und Patienten ohne Not in die Praxen schleppen müssen“, mahnte der Mediziner.

TK-Chef Baas sagte dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (Mittwoch), Kurzzeitkrankheiten, die Gegenstand einer telefonischen Krankschreibung sein könnten, machten nur einen geringen Teil an den Gesamtfehltagen aus im Vergleich zu Langzeiterkrankungen. „Gerade Langzeiterkrankungen wie Depressionen oder Burn-Out hängen häufig auch mit der Arbeitszufriedenheit und Belastungen am Arbeitsplatz zusammen.“ Arbeitgeber könnten das Belastungspotenzial durch Verbesserung der Rahmenbedingungen reduzieren.

Kritik von Opposition und vom Koalitionspartner

Der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Janosch Dahmen, wies ebenfalls darauf hin, dass nicht die telefonische Krankschreibung die Ursache für den Anstieg an Krankheitstagen sei. Die Zunahme sei auf „die Digitalisierung der Erfassung und damit überwiegend auf einen statistischen Effekt zurückzuführen“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Auch vom Koalitionspartner kam Kritik. Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Christos Pantazis, sagte den Funke-Zeitungen (Mittwoch), im Koalitionsvertrag sei vereinbart, die telefonische Krankschreibung so zu verändern, dass Missbrauch ausgeschlossen sei.