Göttingen (epd). Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) sieht die USA und die Nato-Staaten in der Verantwortung, ein Konzept für neue staatliche Strukturen im Iran nach dem Sturz des Mullah-Regimes zu erarbeiten. Sie sollten mit Vertretern der Opposition, der Minderheiten, wie den Kurden und den Belutschen, sowie den persischen Nationalisten über den Aufbau eines demokratischen und föderalen Staates verhandeln, sagte Kamal Sido, Nahostreferent der Menschenrechtsorganisation, am Mittwoch in Göttingen. Vorbild könnten die derzeitigen Verhandlungen über einen Friedensplan für die Ukraine sein, erläuterte er in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Nur dann halte er ein militärisches Eingreifen der USA überhaupt für eine denkbare Möglichkeit, betonte Sido. Allerdings vertrauten die oppositionellen Kräfte im Iran weder dem US-Präsidenten Donald Trump noch der Nato, weil sie das Negativ-Beispiel Afghanistan vor Augen hätten. Dort hätten die USA und die Nato aus geopolitischen Erwägungen eingegriffen und sich ohne langfristige Unterstützung für die demokratischen Kräfte vor Ort wieder zurückgezogen.
Land mit vielen Minderheiten
Auch in Syrien verfolge der Nato-Staat Türkei eigene Interessen und bekämpfe die kurdische Minderheit. „Die Menschen im Iran haben Angst, dass der Westen die Demokratiebewegung im Stich lässt und ein Bürgerkrieg ausbricht.“ Sido hat nach eigenen Worten seit Jahrzehnten zahlreiche Kontakte zu Vertretern vieler Gruppen und Minderheiten im Iran, wie auch zu im Exil lebenden Iranern, die ihn auch derzeit mit Informationen versorgten.
Derzeit hält der Menschenrechtler ein militärisches Eingreifen, wie von Donald Trump angedeutet, für gefährlich. „Ohne einen Plan und eine Zusammenarbeit mit der Opposition könnte die Lage dann erst recht eskalieren.“ Mehr als die Hälfte der iranischen Bevölkerung gehöre Minderheiten an, die einen demokratischen, föderalen Staat nach dem Vorbild Deutschlands wollten. Viele persische Oppositionelle wie etwa die Nationalisten, zu denen auch der Sohn des ehemaligen Schahs, Reza Pahlavi, gehöre, sprächen sich demgegenüber für einen streng zentralistischen Staat aus.
Einig seien sich all diese Gruppen derzeit lediglich darin, dass sie das verhasste Mullah-Regime beseitigen wollten. Der Westen könne aber helfen, die oppositionellen Gruppen und auch die Nationalisten an einen Tisch zu bringen, um über die Zukunft des Landes zu verhandeln.


