Iran-Expertin: Der Opposition fehlte lange eine Identifikationsfigur

Iran-Expertin: Der Opposition fehlte lange eine Identifikationsfigur
2022 war es die Frauenbewegung, zu Jahresbeginn 2026 gehen die Proteste im Iran gegen das Mullah-Regime von Händlern aus und weiten sich aus - mit völlig ungewissem Ausgang, sagt die Iran-Expertin Eva Orthmann.
13.01.2026
epd
epd-Gespräch: Martina Schwager

Göttingen (epd). Die Göttinger Iranistik-Professorin Eva Orthmann zeigt sich angesichts der Proteste im Iran und der gewaltsamen Gegenwehr des Mullah-Regimes besorgt über die Zukunft des Landes. Die erneuten Demonstrationen nur gut drei Jahre nach der 2022 angestoßenen Befreiungsbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ deuteten auf eine tief sitzende Unzufriedenheit innerhalb der Bevölkerung mit der politischen und religiösen Führung des Landes hin, sagte die Direktorin des Seminars für Iranistik der Universität Göttingen dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Die Proteste seien von den unzufriedenen Basar-Händlern in Teheran offenbar sehr schnell auf weite Teile der Bevölkerung übergesprungen, erläuterte Orthmann. Die wirtschaftliche Lage habe sich für die meisten Menschen über Jahre immer weiter verschlechtert. Die Bevölkerung habe im vergangenen Jahr zudem erlebt, dass die Führung in Teheran sie nicht gegen die Angriffe aus Israel und den USA habe schützen können.

Legitimitätsverlust der Regierung

Das alles habe zu einem großen Legitimitätsverlust der Regierung geführt. „Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie das Regime diese Unzufriedenheit wieder einfangen will“, sagte die Professorin. Zugleich sorgten sich viele Exil-Iraner, dass die Gewalt vonseiten des in die Defensive gedrängten Regimes noch zunehmen könnte.

Die Opposition im Land und auch außerhalb sei wenig geeint und organisiert. Ein großes Problem besteht laut Orthmann darin, dass die Opposition keine Identifikationsfigur habe. Diese Lücke könnte nun durch den Sohn des ehemaligen Schahs, den in den USA lebenden Reza Pahlavi, geschlossen werden. Er habe sich über die sozialen Medien seit einigen Monaten als Oppositionsführer in Stellung gebracht. Auch im Iran finde Pahlavi zunehmend Unterstützer.

Haltung des Schah-Sohns zu demokratischen Reformen unklar

Viele Fragen blieben dabei allerdings offen, sagte Orthmann. So sei nicht klar, inwieweit Pahlavi als ehemaliger Monarchist wirklich demokratische Reformen unterstützen würde. Auch reiche es nicht aus, einfach eine Führung durch eine andere zu ersetzen. Für tiefgehende politische und gesellschaftliche Reformen müssten die jetzigen Strukturen, von denen unter anderem die Milizen profitierten, ebenfalls verändert werden.

Es sei zudem riskant, sich auf eine Identifikationsfigur zu verständigen, ohne deren Agenda genauer zu kennen. Auch der Führer der islamischen Revolution, Ajatollah Chomeini, sei 1979 als Hoffnungsträger gestartet.