Expertin sieht nach US-Angriff auf Venezuela das Regime intakt

Expertin sieht nach US-Angriff auf Venezuela das Regime intakt
Vor einer Woche haben die USA Venezuelas bisherigen Staatschef Maduro gewaltsam aus dem Amt entfernt. Doch die Macht liegt einer Analystin zufolge weiter bei den Schlüsselfiguren des autoritären Regimes.
10.01.2026
epd
epd-Gespräch: Malte Seiwerth

Berlin, Bogotá (epd). Das venezolanische Regime ist nach dem US-Angriff und der Absetzung des Staatschefs Nicolás Maduro laut der Lateinamerika-Expertin Elizabeth Dickinson weitgehend intakt. Wenn eine Person wie Maduro untragbar werde, „nützt ein Entfernen der Person der Fortsetzung des Regimes als solches“, sagte die Analystin von der Denkfabrik Crisis Group dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es gebe Hinweise darauf, dass ein Teil der venezolanischen Führungsschicht Maduro den USA ausgeliefert habe.

„Maduro und seine Ehefrau sind Schlüsselfiguren des Regimes, aber andere wichtige Personen sind weiterhin vor Ort an der Macht“, sagte Dickinson. Teilweise würden die Sicherheitsorgane nun sogar intensiver gegen Oppositionelle vorgehen. Zum Beispiel könnten Personen, die Nachrichten über den Angriff der USA auf ihrem Handy hätten, wegen Unterstützung des Angriffs inhaftiert werden. „Dies ist eine sehr entmutigende Nachricht für alle, die Hoffnungen auf eine politische Öffnung hatten“, sagte die Crisis-Group-Expertin.

Mehr als 100 Menschen bei US-Angriff getötet

Die USA hatten vergangenes Wochenende bei einer Militäroperation Maduro sowie dessen Ehefrau Cilia Flores gefangengenommen und in die USA gebracht, wo sie vor Gericht gestellt werden. Laut der venezolanischen Regierung wurden bei dem Angriff mehr als 100 Menschen getötet, darunter 32 kubanische Soldaten, die als Leibwache für Maduro und Flores gedient hatten.

Trotz der bisher ruhigen Lage in Venezuela warnte Dickinson vor möglichen internen Machtkämpfen. Diese könnten dazu führen, dass bewaffnete Gruppen aus den Nachbarländern Kolumbien und Brasilien das Vakuum nutzen, um ihre Macht auszubauen. Unter anderem deshalb hätten die kolumbianische und brasilianische Regierung den Angriff deutlich kritisiert.

Argumente nebensächlich

Die US-amerikanische Militäroperation war international als völkerrechtswidrig kritisiert worden. Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, äußerte sich besorgt. Die US-Regierung wirft Maduro, der Venezuela autokratisch regiert hat, Drogenhandel vor. Durch seine Intervention will sich US-Präsident Donald Trump den Zugang zu venezolanischem Erdöl und Gas sichern. Venezuela besitzt die weltgrößten Erdölvorkommen.

Dickinson bezeichnete die von den USA vorgebrachten Argumente für den Angriff als nebensächlich. Die USA hätten mit der Intervention gezeigt, dass sie ihren Machtanspruch nicht nur durch politischen und wirtschaftlichen Druck durchsetzten, sondern auch militärisch. In Venezuela wurde nach der Absetzung Maduros die ehemalige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez als amtierende Präsidentin eingesetzt. Trump signalisierte Unterstützung für die Politikerin. Der Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado hingegen erteilte der Republikaner eine Absage.