Fünf Jahre "Almanya": Als Imam an einer deutschen Moschee

Martin Rothe

Imam Yasin Celenk mit Koran vor der Gebetsnische in der Fatih-Moschee in Kaiserslautern.

Sie sind die Autorität ihrer Community, doch die Öffentlichkeit nimmt kaum Notiz von ihnen: Türkische Imame sind in Deutschland weit mehr als nur Vorbeter. Was sind ihre Ansichten? Vor welchen Problemen stehen sie? Ein Besuch an der Basis.

Es ist Samstag, kurz nach neun Uhr morgens. In der Fatih-Moschee in Kaiserslautern beginnt der wöchentliche Koranunterricht. Auf dem rot gemusterten Teppich des Gebetsraumes knien zehn Mädchen und Jungen zwischen sieben und 15 Jahren. Jedes der Kinder hat über seine Knie ein niedriges Holzpult gestellt, einen Koran darauf gelegt und eine der ersten Suren aufgeschlagen. Vor ihnen auf dem Stuhl sitzt ein stämmiger Mann mit schwarzem Bart, grauer Strickjacke und in Hauspantoffeln. Die Kinder sprechen ihn respektvoll mit "Hodscha" an. Das heißt "religiöser Lehrer".

Yasin Celenk, 44 Jahre alt, ist der Imam der Fatih-Moschee – oder besser "Religionsbeauftragter", wie sein Arbeitgeber, der türkisch-deutsche Moscheenverband Ditib, diese Würde nennt. Schließlich sind die deutschen Ditib-Imame sind nicht nur Vorbeter beim Gemeinschaftsgebet, sondern haben eine Fülle weiterer Aufgaben. Darunter auch die, an Wochenenden den deutschtürkischen Nachwuchs religiös zu unterweisen.

Kindergottesdienst auf Türkisch

Das Wichtigste dabei ist, ihnen die Rezitation des heiligen Korantextes beizubringen. Den Inhalt zu verstehen ist zweitrangig. Schon das kunstvolle Vortragen des arabischen Gotteswortes gilt als religiös verdienstvoll. Und es will geübt sein. Welcher deutsche Grundschüler kann mit neun Jahren schon fließend arabische Schriftzeichen entziffern?

Koranunterricht in der Fatih-Moschee in Kaiserslautern. Foto: Martin Rothe

Es ist ein bisschen wie im Kindergottesdienst: Einige kleine Koranschüler sind emsig bei der Sache, ein paar etwas entfernt sitzende schwatzen miteinander. Nur gibt es hier drei Verkehrssprachen. Die Kinder untereinander reden Deutsch. "Das geht ganz anderster", flüstert ein ehrgeiziges Mädchen ihrer Nachbarin belehrend zu. Bald hat sie Gelegenheit, den anderen ihre Arabischkünste zu demonstrieren: "Bismillahi Rahmani Rahim" – Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen ... Der Hodscha hört zu, unterbricht und singt die heiligen Worte vor. Fragen seiner Zöglinge beantwortet auf Türkisch. Deutsch versteht er – anders als sie – kaum.

Die importierten Geistlichen

Seit November 2009 ist Yasin Celenk Imam der Ditib-Gemeinde in Kaiserslautern – und erst seit diesem Zeitpunkt lebt er in Deutschland. Die staatlich-türkische Religionsbehörde Diyanet, Mutter des deutschen Ditib-Verbandes, entsendet jedes Jahr hunderte Imame aus der Türkei nach Deutschland. Hier tun die Religionsbeamten jeweils für vier bis fünf Jahre Dienst an einer der 896 Ditib-Gemeinden und kehren dann wieder nach Anatolien zurück.

Imam Celenk hat noch vier Jahre "Almanya" vor sich. Er kommt aus Kars, einer Grenzstadt in der Nordosttürkei, die Romanleser aus Orhan Pamuks Buch "Schnee" kennen. In seiner Heimatstadt hat Celenk die Berufsschule für Imame absolviert und dann ein theologisches Studium angeschlossen. Vorbeter ist er seit 21 Jahren. Obwohl er ein Universitätsdiplom hat, macht er weiterhin ein Fernstudium an der berühmten Theologischen Fakultät von Ankara. Ihn interessiert vor allem das islamische Religionsgesetz.

Eheberatung nachts um drei

Reisefreudig sei er schon immer gewesen, sagt der türkische Hodscha, übersetzt vom einem in der Pfalz verwurzelten Gemeindemitglied. Vor allem für das Leben in Mitteleuropa habe er sich interessiert. Nun ist er in Deutschland. Seine Frau führt ihm hier den Haushalt. Der 19-jährige Sohn und die 13-jährige Tochter sind in der Heimat geblieben.

Ein paar Dinge waren neu für ihn in Deutschland – vor allem die Fülle an Aufgaben, die einen türkischen Imam hier erwarten. "In der Türkei werden sie auf verschiedene Schultern verteilt", berichtet Celenk, "aber hierzulande wird alles den Imamen auferlegt." Ihnen obliegt hier nicht nur das Vorbeten und die Freitagspredigt, sondern auch der Koranunterricht, die Totenwaschung, Zeremonien zu Hochzeit und Beschneidung, Besuche bei potentiellen Geldspendern, Seelsorge bei Kranken, Alten, Einsamen und Gefangenen, das Organisieren der Pilgerreise nach Mekka und das Fußballspielen mit den Jugendlichen zwecks Nachwuchspflege. Nicht zu vergessen die Eheberatung für zerstrittene Paare: "Manchmal werde ich dafür um drei Uhr nachts geweckt."

Seelsorge, ein Knochenjob

Imam sein ist in Deutschland ein 24-Stunden-Beruf. Und meist fällt auch der freie Montag flach. Seelsorge kann ein Knochenjob sein. "Ich mach das alles sehr gern", sagt Yasin Celenk. "Mir gefällt es, ständig im Dialog mit vielen Menschen zu sein."

Buchtipp
Rauf Ceylan: Die Prediger des Islam. Imame – Wer sie sind und was sie wirklich wollen, Freiburg 2010. Verlag Herder, 192 Seiten, 12,95 Euro.

Inzwischen hat er die erste Gruppe seiner samstäglichen Koranschüler verabschiedet. Die zweite wartet schon vor der Tür. Auf sie freut er sich besonders, darin sind die fortgeschrittenen Mädchen und Jungen. Ihnen kann er theologisches Wissen weitergeben und mit ihnen singen. "Das entwickelt das künstlerische Element in ihrem Wesen", weiß der Imam. Wichtig ist ihm aber auch, ihnen soziale Werte zu vermitteln – zum Beispiel den Respekt gegenüber den Älteren. "Sonst geht der Wissensschatz unserer Vorfahren verloren", so seine Begründung.

Einige der Mädchen konnte er bewegen, für die heutige Koranstunde mal ein Kopftuch aufzuziehen. Damit der Gast einen guten Eindruck vom Islam in Kaiserslautern bekomme, heißt es. Sonst tragen die Mädchen nämlich keines. Aber das zieme sich eigentlich nicht in der Moschee, finden die Älteren in der Gemeinde.

"Wulffs Aussage hat unser Herz gerührt"

Was ein Imam sagt, habe bei vielen muslimischen Familien immer noch großes Gewicht, sagt Rauf Ceylan, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Osnabrück. "Imame sind die theologische Instanz und stellen wichtige gesellschaftliche sowie politische Multiplikatoren dar. Sie bestimmen mit, ob die jungen Muslime einen liberalen, konservativen oder extremistischen Islam vertreten werden." Umso unverständlicher sei es, dass die Politik die Frage der Ausbildung von Imamen bisher weitgehend ignoriert habe, schreibt Ceylan in seiner soeben erschienenen Studie "Die Prediger des Islam". Darin zeichnet er in gut lesbaren Milieuschilderungen die Ansichten und Probleme diverser Imame nach.

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In Kaiserslautern ermutigt Imam Celenk die Gemeinde in seinen Freitagspredigten, nichtmuslimische Bereiche der Gesellschaft kennenzulernen – zum Beispiel Kirchen. "Ich versuche den Leute zu sagen, wie man in Harmonie hier leben kann. Es gibt nichts Schöneres, als friedlich zusammenzuleben", sagt er. Gelungene Integration bedeute für ihn, dass alle die Landessprache beherrschen, die Gesetze einhalten, einander verstehen und die Religion der anderen respektieren. "Deshalb", so der Imam, "hat die Aussage des Bundespräsidenten, auch der Islam gehöre zu Deutschland, unser Herz gerührt."

Sein größter Wunsch: Deutsch sprechen können

Der Dialog ist Yasin Celenks Element. Doch vorerst nur innerhalb der Community. Gern würde er sich einmal mit einem Pfarrer austauschen – ganz ohne Dolmetscher. Aber er kann sich nur auf Türkisch verständigen. Seine aktiven Deutschkenntnisse beschränken sich auf ein paar Worte. Der kurze Vorbereitungskurs vor der Abreise nach Mitteleuropa – ein paar Wochen Sprachunterricht waren inklusive – hat da wenig geholfen. Über den Dolmetscher teilt er mit, es sei sein größter Wunsch, besser Deutsch zu können: "Dann kann ich, was ich fühle, auch ohne Übersetzer weitergeben."

Dennoch hat er seine Prioritäten gesetzt: Zuerst macht er die Fahrschule zu Ende. Dann kommt der Integrationskurs. Eventuell. Manche seiner türkischen Kollegen sind da nach einem Jahr schon weiter. Auch die Gemeinde hofft, dass ihr Imam bald einen Integrationskurs macht. Und sie wünschen sich, dass endlich einmal ein Imam deutlich länger als vier oder fünf Jahre bleibt. "Wenn man den Hodscha endlich richtig kennt, muss er schon wieder weg", bedauert Ali Bayar (41), Druckereiarbeiter und Mitglied des Moscheevorstandes.

"Wer mit seiner eigenen Integration überfordert ist, der kann nicht auch noch andere integrieren", bilanziert der Osnabrücker Religionswissenschaftler Ceylan. Die im Oktober an seiner Universität angelaufenen Weiterbildungskurse für Imame seien ein erster Schritt, dem abzuhelfen. Das eigentliche Problem aber sei der zeitlich begrenzte Aufenthalt der Imame: "Es führt kein Weg daran vorbei: Imame müssen in Zukunft in Deutschland ausgebildet werden."

Langfristig gesehen, so Rauf Ceylan, sollten sie hierzulande nur dann lehren und predigen dürfen, wenn sie ein Zertifikat einer deutschen Fakultät nachweisen können. Nur so könnten wichtige Köpfe heranwachsen: "Erst wenn wir hierzulande ausbilden, können sich progressive Imame bei Diskussionen um den Islam zu Wort melden. Dies wäre eine Win-Win-Situation sowohl für die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft als auch für die muslimische Minderheit."

Der Blick heimwärts

Für Imam Celenk in Kaiserslautern hat inzwischen das Mittagsgebet begonnen – eingeleitet durch den Gebetsruf des 12-jährigen Ekrem, der sich heute als Muezzin versuchen darf. Vorbeter Celenk, jetzt angetan mit hellem Amtsgewand und Turban, leitet mit "Allahu akbar"-Rufen die Folge der andachtsvollen Niederwerfungen, zu der sich mehrere männliche Gemeindemitglieder eingefunden haben. Hinter ihnen krabbelt plappernd ein dreijähriges Mädchen über den Gebetsteppich.

Dann ist das samstägliche Vormittagsprogramm vorbei. Imam Yasin Celenk macht Pause. Er freue sich auf die noch verbleibenden vier Jahre in Deutschland, sagt er. Danach geht es wieder heim in die Türkei – zu Sohn und Tochter. Eigentlich habe er vor, später in der Türkei Imame für Deutschland auszubilden, sagt der Theologe. Aber momentan sehe es eher danach aus, dass künftig keine Imame mehr eingeflogen werden müssen. "Auch nicht schlecht", sagt er und grinst, "dann kann ich mich in der Türkei vor meinem Kamin ausruhen."