Judentum zum Anfassen

Esther Graf und Manja Altenburg von der "Agentur für Jüdische Kulturvermittlung"

Foto: epd-bild/Mathias Ernert

Esther Graf und Manja Altenburg in einer Ausstellung in Mannheim.

Judentum zum Anfassen
Eine Agentur in Heidelberg vermittelt jüdische Kultur
Am 26. September wird Jom Kippur, der jüdische Versöhnungstag gefeiert - auch in Deutschland. Wie sehr jüdisches Leben hierzulande blüht, wollen zwei Wissenschaftlerinnen mit ihrer "Agentur für jüdische Kulturvermittlung" zeigen. Zu ihren Vorträgen ringen sie ein Pessach-Set für Kinder mit, einen jüdischen Kalender oder koschere Snacks. Jüdisches Leben in Deutschland sei mehr als nur Erinnerung an die Schoa, sagen sie.
26.09.2012
epd
Ralf Schick

Das Judentum in Deutschland lebt. Das jüdische Leben biete heute eine bunte Vielfalt, wie es sie seit 1945 in der Form nicht mehr gegeben habe, urteilen Esther Graf und Manja Altenburg. Und diese Vielfalt wollen die Wissenschaftlerinnen möglichst vielen Menschen nahebringen. In Heidelberg und Mannheim haben sie eine "Agentur für jüdische Kulturvermittlung" gegründet. Zu ihren Kunden zählen Vereine, Forschungseinrichtungen, Museen, Universitäten, Volkshochschulen.

"Als Jüdinnen haben wir es immer so empfunden, dass jüdisches sehr abstrakt und wenig lebendig dargestellt wurde, als würde es kein jüdisches Leben in Deutschland heute mehr geben, als wären wir 'hinter Vitrinen'", sagt die 42-jährige Esther Graf. Aber "das ganz lebendige Judentum ist ja wieder da", ergänzt ihre Kollegin, die 37-jährige Manja Altenburg.

Manja Altenburg hat vorher im jüdischen Museum Berlin gearbeitet, Esther Graf war Leiterin des jüdischen Museums im österreichischen Hohenems und an der Heidelberger Hochschule für jüdische Studien tätig.

"Judentum ist auf das Leben ausgerichtet"

Oft störte es die beiden, dass viele Menschen bei "Judentum" nur an die Schoa denken. "Zachor", das Erinnern, sei ja auch ein wichtiger Bestandteil im Judentum, um Zukunft und Gegenwart zu meistern. "Aber Judentum ist auf das Leben ausgerichtet und nicht auf den Tod". Darum sei ihnen die Idee gekommen, sich zusammenzutun, "um diese Vorstellung zu ändern - mit dem Ziel, auf Leute zuzugehen als junge Jüdinnen, die jüdisch leben", sagt Graf.

"Natürlich dürfen die Leute über den Verlust, den unsere Familien erlitten haben, betroffen sein. Aber darum geht es uns nicht vorrangig. Wir wollen mehr 'Normalität'", erklärt die gebürtige Hannoveranerin Altenburg. Der zeitliche Abstand zur Schoa hat ihrer Ansicht nach ein neues jüdisches Selbstbewusstsein hervorgebracht. "Und das wollen wir zeigen: Berührungsängste abbauen, die Vielfalt zeigen und wie viel Spaß Judentum bringt!"

"Wir wollen ein Judentum zum Anfassen bieten", formuliert Graf, die in Wien aufgewachsen ist. Bei Vorträgen etwa zu Feiertagen bringen sie eigene Gebrauchsgegenstände mit wie ein Pessach-Set aus Plüsch für Kleinkinder oder einen jüdischen Kalender. "Wir wollen zeigen: Die werden echt benutzt und liegen eben nicht hinter einer Vitrine", sagt Graf.

Vorträge über Beschneidung und israelische Tanzkurse

"Dabei geht es uns überhaupt nicht darum, die Schoa klein zu reden, sondern das Augenmerk mehr auf das Hier und Jetzt zu lenken", erklärt Graf. "Wir wollen zeigen, dass jüdisches Leben heute wieder eine Selbstverständlichkeit ist", betont Manja Altenburg. Auch die aktuelle Beschneidungs-Debatte zeigt Wirkung: auf Anfrage einer evangelischen Kirchengemeinde werden Graf und Altenburg in Kürze die Gemeinde ausführlich über die Bedeutung des Rituals informieren.

Wichtig ist es den beiden Frauen jedoch auch, auf wissenschaftlicher Ebene jüdisches zu bewahren und zu erforschen. Dazu gehören das Archivieren von Judaica in Gemeinden, Forschungsbeiträge oder Ausstellungen über jüdisches Leben. "Wir arbeiten mehrdimensional. Sogar sportlich", sagt Graf: Manja Altenburg bietet auch israelische Tanzkurse an.

Auch bei dem Projekt "Menachem und Fred Wanderweg" haben sie mitgearbeitet: Für zwei jüdische Brüder aus Hoffenheim, die als Kinder deportiert wurden und heute in den USA und Israel leben, wurde ein Weg mit Texttafeln und Geocaching gestaltet.

"Wir können bei Fragen auch antworten"

Zu ihren Kunden zählen Vereine mit Interesse am Judentum wie etwa die Alte Synagoge Zwingenberg oder der Verein jüdisches Leben Kraichgau, aber auch der Lions Club hatte schon bei der Agentur angefragt. Es gibt Vorträge und Veranstaltungen rund um jüdische Speisegesetze, Festtage, jüdischen Humor im Theater oder Juden im deutschen Fußball. Manchmal, wie etwa beim Umbau der Alten Synagoge in Essen zum Haus jüdischer Kultur, werde die Agentur auch angefragt, ob sie einen Ausstellungsteil für eine Dauerausstellung konzipieren könne.

"Wenn wir aber an der Volkshochschule in Weinheim 'Judentum Kennenlernen' anbieten mit Objekten zum Anfassen und einem koscheren Snack, steht der Genuss mehr im Vordergrund", sagt Altenburg. Dabei komme ihnen sicherlich zugute, dass sie praktizierende Jüdinnen seien: "Wir erklären den Leuten nicht wieder etwas Theoretisches, sondern können bei Fragen auch antworten."