Kirchenrechtler: Papst-Brief an Marx schwierig zu deuten

Kirchenrechtler: Papst-Brief an Marx schwierig zu deuten

Die päpstliche Ablehnung des Rücktrittsgesuchs des Münchner Erzbischofs Reinhard Marx verursacht laut dem Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller neue Schwierigkeiten im Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Für die Betroffenen sei das "ein Schlag ins Gesicht", sagte Schüller am Freitag. "Sie erkennen, dass sich das System gegen Verantwortung immunisiert."

Zugleich verweise das "ungemein schwierig" zu deutende Schreiben von Papst Franziskus darauf hin, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche Marx weiter in die Pflicht nehmen wolle, betonte Schüller, der Direktor des Instituts für Kanonisches Recht an der Universität Münster ist. Der Papst habe Marx auch klar gemacht, dass er dessen Verantwortung nicht im Verzicht auf sein Amt sehe.

Offenbar erwarte Franziskus, dass Marx die Reformen der katholischen Kirche in Deutschland voranbringe. Zudem sei der Erzbischof und Kardinal für den Papst offensichtlich unverzichtbar. Marx sei von seiner kirchenpolitischen Bedeutung her ein Schwergewicht, erklärte er.

Schüller sieht den Erzbischof nun in einer schwierigen Situation. Marx habe während seiner Zeit in Trier "schwere Fehler" im Zusammenhang mit der Aufklärung von Missbrauchstaten begangen. Er war von 2002 bis 2008 Bischof in Deutschlands ältestem Bistum Trier. In München untersuchten Juristen zuletzt in Marx' eigenem Auftrag mögliches Fehlverhalten von kirchlichen Amtsträgern im Umgang mit Missbrauchsfällen. Die Veröffentlichung eines Gutachtens wird in den nächsten Monaten erwartet. Je nach Ergebnis schließt Schüller daher nicht aus, dass der Erzbischof erneut seinen Rücktritt einreicht.

Papst Franziskus hatte den Rücktritt des Erzbischofs von München und Freising am Donnerstag in einem persönlichen Brief abgelehnt, den der Vatikan veröffentlichte. Marx hatte vor einer Woche sein Rücktrittsgesuch veröffentlicht, das er bereits am 21. Mai an den Papst geschickt hatte. Er wolle eine Mitverantwortung für das "institutionelle Versagen" der Kirche im Umgang mit dem Missbrauchsskandal übernehmen, hatte er erklärt.

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