Geburtstag des Erleuchteten: Reliquienkult auf buddhistisch

Michael Lenz

An Buddhas Geburtstag übergießen die Gläubigen eine Statue des Erleuchteten mit Wasser.

Geburtstag des Erleuchteten: Reliquienkult auf buddhistisch
Am Vesaktag feiern die Buddhisten den Geburtstag ihres Religionsgründers. Buddhas angeblicher Zahn wird in Singapur in einem Schrein aufbewahrt. Zu den Ritualen gehört auch das Übergießen eines Babybuddhas mit Wasser.

Massiv thront der Buddhazahn-Reliquientempel in Singapurs Chinatown, lässt die kleinen historischen Shophäuser in der Sago Lane winzig erscheinen, lenkt ab von der schmucklosen Architektur der nüchternen Mietshäuser aus dem öffentlichen Wohnungsbauprogramm. Zum Vesakfest an diesem Wochenende ist der Buddha Tooth Relic Temple (BTRT) auch das spirituelle Zentrum des immer so geschäftigen Chinatown, zu dem tausende Singapureaner strömen, um der Geburt, der Erleuchtung und des irdische Verschwindens des Buddha Siddharta Gautama zu gedenken.

Im Eingangsbereich zur prächtigen "Halle der Hundert Drachen" stehen die Menschen geduldig Schlange, um einen in dem eigens zum Fest aufgebauten Schrein aufgestellten Babybuddha mit Wasser begießen. Das "Buddha baden" ist eines der vielen Rituale des Vesaktages. Ein anderes ist die Darbringung von Opfergaben, die die Gläubigen nicht billig kommen. Entlang der reich verzierten Wände der goldglänzenden Halle sind vergoldete Töpfe aufgestellt und in einen jeden kann man Münzen werfen. Zehn Singapur-Dollar (6,14 Euro) sind als Mindesteinsatz gefragt. An einem Stand kann man sein großes Geld in Sets zu je 100 Centmünzen tauschen.

Segen vom Mönch

20 Dollar kosten die kleinen Kerzen in gläsernen Schalen, die eine alte Dame am Eingang verkauft. "Die Kerzen dienen der Erleuchtung", erklärt sie und erzählt weiter: "Die Kerzen garantieren auch Gesundheit und lassen zudem alles, was Sie anfangen, problemlos und glatt ablaufen.“ Dafür sind 20 Dollar wahrlich nicht zu viel, zumal man beim Aufstellen der Kerzen vor einer enorm großen Buddhastatue auch noch von einem Mönch in einer hellgelben Robe mit leuchtend rotem Überwurf gesegnet wird.

Der Tempel mit dem Buddhazahn wird zu diesem Vesaktag fünf Jahre alt. Nach zweijähriger Bauzeit war der im Stil der chinesischen Tang-Dynastie für umgerechnet 45 Millionen Euro erbaute üppigste Tempel Singapurs zum Vesaktag 2007 eingeweiht worden. Sein religiöser Schatz ist ein Zahn, der von dem historischen Buddha stammen soll. Die Reliquie war 1980 nach dem Einsturz einer Stupa in Birmas antiker Tempelstadt Bagan entdeckt und später nach Singapur gebracht worden.
Zum Vesaktag ist der Zahn, eingefasst in Gold und verziert mit Edelsteinen, im vierten Stock des Tempels ausgestellt. Mönche schlagen Zimbeln und Trommeln, Gläubige singen Lieder und rezitieren mit einem monotonen Singsang Gebete und Sutren, während ein kontinuierlicher Strom von Besuchern an dem Zahn vorbeizieht.

Das siebeneinhalb Zentimeter große Knochenstück erweist sich als reichlich groß für einen menschlichen Zahn, was Wissenschaftler vermuten lässt, dass es sich eher um den Hauer eines Tieres handeln könnte. Der Ehrenwerte Shi Fazhao, Gründer und Abt des Tempels, reagiert auf Zweifel an dem Buddhabeißer mit buddhistischer Gelassenheit: "Für mich ist er immer echt gewesen und ich habe seine Authentizität nie bezweifelt“, beschied der smarte Mönchen vor einigen Jahren in geradezu katholischer Ex-Cathedra-Bestimmtheit Medien in Singapur und fügte hinzu: "Die können sagen, was sie wollen. Mich kümmert das nicht. Wenn man glaubt, dass er echt ist, dann ist er echt.“

Tierschützer in Sorge

Mit großer Sorge sehen Singapurs Tierschützer die Tradition, zum Vesaktag Tiere freizulassen als Ausdruck des buddhistischen Wirkens zum Wohl aller Lebwesen. Der vermeintliche Gute sei in Wirklichkeit zum Schaden der Tiere, warnte wenige Tage vor dem Fest Wong Tuan Wah, Sprecher der Behörde für öffentliche Parks und Wälder. Die meisten der ausgesetzten Tiere seien entweder Haustiere oder Zuchttiere und somit nicht an das Leben in freier Natur gewöhnt. Zudem könnten diese Tiere Erreger in sich tragen, die den Wildtieren schaden könnten.

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Wilson Lim hat an diesem Vesaktag im Tempel mit dem Zahn gebetet, Räucherkerzen angezündet, sich vor Buddhastatuen verbeugt und an einem der Essenstände hinter dem Tempel eine Mahlzeit gekauft. "Das Essen ist vegetarisch. So bringen wir Buddhisten unsere Achtung vor den Tieren zum Ausdruck. Außerdem gehen die Einnahmen aus dem Essensverkauf an Hilfsprojekte für Arme“, erzählt Lim und ist sichtlich stolz darauf, mit einer Aktion gleich zwei guten Zwecken gedient zu haben. Dabei ist er gar nicht so richtig buddhistisch. "Ich habe es nicht so mit Religion. Aber zu Vesak und anderen hohen Feiertagen gehe ich schon mal in einen Tempel.“

Das klingt vertraut. Christliche Kirchen platzen auch zu den großen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten aus allen Nähten, während die Zahl der Kirchgänger im Rest des Jahres sehr überschaubar ist. Auch der Buddhismus in Singapur steckt in einer Krise. Die letzte Volkszählung im Jahr 2010 hat einen Rückgang des Buddhismus im mehrheitlich chinesischen Singapur offenbart. Hatten 2000 noch 42,5 Prozent der Singapureaner angegeben, Buddhisten zu sein, waren es 2010 nur noch 33,3 Prozent. Die anderen Religionen des multireligiösen Stadtstaates hingegen sind stabil geblieben oder haben gar leicht zulegen können.

Eine Religion in der Krise

Die Gründe für die Krise des Buddhismus sind vielfältig, weiß Ah-Eng Lai, Religionsexpertin von der National University Singapore (NUS). Zunächst weist die Dozentin darauf hin, dass es viele verschiedene buddhistische Schulen und Strömungen gebe. Einige davon hätten den Anschluss an die Moderne verpasst und seien mit ihren "traditionellen Ritualen und Praktiken“ nicht mehr in der Lage, Antworten auf die großen Fragen und Probleme unserer Zeit zu geben. Diese Lücken scheinen die christlichen Konfessionen in Singapur zu füllen, zu denen immer mehr Taoisten Buddhisten und Anhänger von chinesischen Volksreligionen konvertieren. „Einige zieht es zu den Mainstreamkirchen, mehr aber zu evangelikalen und unabhängigen“, sagt Lai. Last but not least, so Lai, mache der wachsende Säkularismus auch vor dem Buddhismus nicht Halt. "Keine Religion“ hatte bei der Volkszählung ein beachtliches Wachstum verzeichnet.

Der Buddha Tooth Relic Tempel mit seinen Gebetshallen, dem vegetarischen Restaurant, der Bibliothek, dem Museum, den Seminarräumen und Souvenirshops ist eine moderne multifunktionale Anlage, komplett mit Klimaanlage und Treppenliften für Behinderte. Der schönste und spirituellste Ort des Tempels aber ist der Dachgarten mit Bäumen, Büschen, Wasserspielen und Orchideen. Sein Zentrum bildet ein Pavillon mit der größten Gebetsmühle der Welt. Sie bewegt sich, man darf mit der Gebetsmühle lustig im Kreis laufen, die bunten Bilder und chinesischen Schriftzeichen erinnern an Comics. Das macht vor allem Kindern Spaß.

Aber der Buddhismus dreht sich nicht nur gebetsmühlenartig um sich selbst. Ah-Eng Lai sagt: "Es gibt auch in den verschiedenen Richtungen des Buddhismus Reformbewegungen. Einige davon sind für Menschen aller Altersgruppen attraktiv und wachsen sehr schnell.“ Ganz so schlecht ist es also um den Buddhismus in Singapur nicht bestellt.