Gauck: Extremismusprävention ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Die wachsende Radikalisierung in der Gesellschaft bereitet dem Bundespräsidenten Sorge. Joachim Gauck lud deshalb Experten ein, um sich zu informieren, was zur besseren Extremismusprävention getan werden muss.

Der Fall des Terrorverdächtigen Dschaber Al-Bakr hat es erneut vor Augen geführt: Offenbar in kurzer Zeit können sich junge Menschen radikalisieren und zum potenziellen Gewalttäter entwickeln - ohne dass es dafür zuvor erkennbare Anzeichen gibt. Radikalisierungstendenzen sind derzeit im gesamten politischen Spektrum zu beobachten. Während Präventionsarbeit gegen Islamismus, Salafismus oder Dschihadismus etwa in Berlin-Neukölln stärker im Fokus stehen dürfte, müssten "in einer sächsischen Kleinstadt ganz andere extremistische Tendenzen" eingedämmt werden, sagte Bundespräsident Joachim Gauck am Freitag in Berlin.

Gauck: Staatsbürgerliche Bildung verstärken

Das Staatsoberhaupt forderte dazu auf, die Bekämpfung von religiösem und politischem Extremismus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu sehen. Besonders an Schulen müsse die staatsbürgerliche Bildung verstärkt, deutlich über Gefahren gesprochen und so Prävention zum Bestandteil politischer Bildung gemacht werden, sagte Gauck. Die Politik sollte ihrerseits mehr Geld für Präventionsmaßnahmen in Bildungsinstitutionen und in der Zivilgesellschaft zur Verfügung stellen.

Der Bundespräsident hatte zu einem Expertengespräch zum Thema "Integration und Radikalisierungsprävention" eingeladen, um sich über die Extremismusgefährdung junger Menschen in Deutschland zu informieren. Zwar gebe es keine massenhafte Gefährdung der Gesellschaft durch gewalttätige Jugendliche mit extremistischem Hintergrund, betonte Gauck. Aber auch Einzelfälle seien besorgniserregend. Anlass zur Sorge sei zudem, dass offenbar viele Menschen nicht mehr genug Vertrauen in Staat und Gesellschaft hätten. Deshalb sei die Zuwendung zu potenziellen Extremisten "eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe", betonte Gauck.

Prävention sei vor allem eine langfristige Aufgabe, sagte der Psychologe und Programmdirektor der European Fundation for Democracy in Brüssel, Ahmad Mansour. Mitunter dauere es eine ganze Generation, bis es sich bemerkbar mache, ob demokratische Werte wie Streitkultur, Meinungsfreiheit oder Gleichberechtigung vermittelt wurden. Zugleich forderte Mansour muslimische Verbände und Moscheegemeinden dazu auf, sich deutlich stärker in die Präventionsarbeit einzubringen. Nötig sei eine "innerislamische, mutige Debatte", die die Vielfalt des Islams widerspiegele und Jugendlichen eine Islamvorstellung vermittele, "die mit Demokratie und Menschenrechten vereinbar ist".

Radikalisierungsforschung gefordert

Dirk Sünderhauf, Lehrer und Sozialarbeiter an der Martin-Wagner-Schule in Berlin, forderte deutlich mehr Sozialarbeiter an Schulen zur Extremismusprävention. Diese müssten dauerhaft und nicht nur projektbezogen zum Einsatz kommen. Verhaltensauffällige Schüler dürften nicht als Störung angesehen werden, sondern deren Schwäche in den Sozialkompetenzen müssten frühzeitig erkannt und bearbeitet werden.

Der Projektleiter der Düsseldorfer Aktion Gemeinwesen und Beratung e.V., Michael Kiefer, sprach sich für den Aufbau einer unabhängigen Radikalisierungsforschung an deutschen Universitäten aus. Auch die Leiterin des Fachbereichs Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung, Hanne Wurzel, forderte eine breite wissenschaftliche Arbeit zur Extremismusprävention ein.

Thomas Mücke, Vorstandsmitglied im Violence Prevention Network, betonte, dass Beratungsangebote vor allem in der muslimischen Community bekannter gemacht werden müssen. "Man kann an gefährdete Menschen herantreten und sie aus ihrer extremistischen Ecke herausholen. Diese Chance muss genutzt werden", sagte Mücke.