Ein kultiviertes Fest des Unsinns

Ein kultiviertes Fest des Unsinns
Vor 100 Jahren gründeten Künstler aus verschiedenen Ländern Europas in Zürich das Cabaret Voltaire. Damit war der Dadaismus geboren, eine der prägendsten Kunstrichtungen des 20. Jahrhunderts. Ihr widmet das Arp Museum Rolandseck eine Ausstellung.

Remagen (epd)Braven Züricher Bürgern muss das im Februar 1916 gegründete Cabaret Voltaire in der Bahnhofstraße 1 wie ein Irrenhaus erschienen sein: Vor allem dann, wenn Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck oder Hans Arp teilweise mehrstimmig lautmalerische Gedichte vortrugen. Welchen Sinn sollte man aus "zimbim urullala zimbim" oder ähnlichem Gestammel ausmachen? Die Nachbarn beschwerten sich bald über den Lärm. Dass hier eine bedeutende Künstlerbewegung entstand, glaubten damals wohl nur wenige. 100 Jahre später ist Dada im Arp Museum Rolandseck angekommen, wo ab Sonntag eine große Jubiläumsschau zu sehen ist.

Unter dem Titel "Genese Dada. 100 Jahre Dada Zürich" zeigt die Schau neben Arbeiten der Hauspatrone Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp bis zum 10. Juli unter anderem Werke von Paul Klee, August Macke, Pablo Picasso und Giorgio de Chirico. Ihre Bilder hingen damals an den Wänden des Cabaret Voltaire. "Nicht so schön gerahmt wie heute, sondern vielleicht teilweise nur festgenagelt", sagt Adrian Notz, Direktor des immer noch existierenden Cabaret Voltaire in Zürich, der die Schau mitkonzipiert hat.

Die Dada-Gründer hatten sich in den Wirren des Ersten Weltkriegs in der neutralen Schweiz zusammengefunden. Unter dem Eindruck der Kriegsgräuel wandten sie sich gegen traditionelle Kunstformen und gesellschaftliche Normen. Die Mitglieder der Bewegung ersetzten traditionelle künstlerische Verfahren durch meist zufallsgesteuerte Aktionen. Dada umfasste nicht nur bildende Kunst, sondern auch Tanz, Theater und Lesungen. Damit gelten die Dada-Künstler als Vorläufer und Vorbild heutiger Performance-Kunst.

Besuch einer Künstlerkneipe im Kleinformat

Die Atmosphäre in der Keimzelle des Dada, dem Cabaret Voltaire, versucht das Arp Museum, so gut es geht, an den Rhein zu holen. In einem Kubus im obersten Stockwerk des Neubaus können die Besucher die Künstlerkneipe im Kleinformat betreten. Ein schwarzes, abgewetztes Klavier auf einer Holzbühne darf von den Besuchern bespielt werden. Aus Lautsprechern erklingt jedoch auch eine Toncollage, die die Atmosphäre im Cabaret Voltaire nachempfindet: Klaviermusik, Stimmen und gelegentlich ploppt ein Korken aus einer Weinflasche.

An den Wänden hängen wie vor 100 Jahren Kunstwerke. Damals soll Mit-Gründer Hans Arp wohl gelegentlich schon einmal mit ein paar Picasso-Bildern unterm Arm ins Cabaret Voltaire geschlendert sein. Heute hängen einige der Bilder wieder vereint nebeneinander. Nur, dass diese heute sorgfältig gerahmt und mittlerweile ein Vermögen wert sind: Hans Arps Collagen und organisch-abstrakte Holzschnitte, Picassos "Mann mit Hund" oder Max Oppenheimers "Der Weltkrieg".

Drei Originale werden wieder vereint

Ein zweiter Kubus in der Ausstellung zeigt die Galerie Dada. Ein Kronleuchter und ein elektrisches Kaminfeuer stellen die Atmosphäre in der Züricher Wohnung nach, die die Dada-Künstler gemietet hatten, um ihre Werke zu verkaufen. Hier gelang dem Arp Museum der Coup, drei Originale wieder zu vereinen. Damals wie heute hängt Giorgio de Chiricos "Der Genius eines Königs" über dem Kamin. Normalerweise ist das Bild heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen. Eingerahmt wird es von Heinrich Campendonks "Landschaft mit zwei Tieren" und Jacoba van Heemskercks "Landschaft".

Auffallend ist die stilistische Vielfalt der gezeigten Werke. Zwischen Arp und Picasso wirkt etwa August Mackes "Tegernseer Landschaft" von 1910 ein wenig deplatziert. Aber, so erklärt Notz, Macke zu zeigen sei damals keine stilistische Entscheidung gewesen, sondern eine emotionale. Man habe einfach Künstler-Freunde gefragt, ob sie ein Bild schicken könnten und dieses dann ausgestellt. Ohnehin seien die Dadaisten polyglott gewesen und hätten sich keiner Kunstrichtung verschrieben, sagt Kuratorin Astrid von Asten.

Thema sind auch Einflüsse, aus denen Dada entstand

Zürich war 1916 eine europäische Flüchtlingsmetropole, in der sich Intellektuelle aus ganz Europa trafen. Die Künstler befanden sich im Austausch mit einem intellektuellen Umfeld. Die Ausstellung widmet sich auch den Einflüssen, aus denen Dada entstand. Sie beschäftigten sich zum Beispiel mit Nietzsche, Freud oder Einstein.

Die zahlreichen Einflüsse aus Wissenschaft und Literatur hat Notz in akribischen Diagrammen festgehalten. Für Experten sind sie sicher aufschlussreich, für die meisten Besucher dürften sie etwas unübersichtlich sein. Hier wäre an der ein oder anderen Stelle ein erklärender Text hilfreich gewesen. Immerhin werden aber in der Ausstellung Studenten des Kunsthistorischen Instituts der Universität Mainz den Besuchern als Kunstvermittler zur Verfügung stehen.

Zeitgleich zur Dada-Ausstellung findet im Arp Museum die Schau "Seepferdchen und Flugfische" statt. Hier werden Werke von Stipendiatinnen und Stipendiaten des Künstlerhauses Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz gezeigt, die sich mit dem Dadaismus auseinandersetzen.