"Ob sich eine eigene App lohnt, will genau überlegt sein"

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evangelisch.de (Screenshot)

Deutschland spricht 2019
"Ob sich eine eigene App lohnt, will genau überlegt sein"
Dass eine Kirchengemeinde eine eigene Internetseite hat, ist längst selbstverständlich. Aber muss es auch eine App - ein Serviceprogramm fürs Smartphone - sein? Die Hamburger Kirchenkreise haben sich nahezu als Erste im kirchlichen Raum eine App geleistet, die iPhone-Nutzer seit Ende 2011 gratis herunterladen können. Die Anwendung (Englisch: application, kurz "App") enthält neben tagesaktuellen Meldungen alle wichtigen Informationen über die 171 zugehörigen Kirchengemeinden mit Adressen, Gottesdienst- und Konzertterminen. Im Gespräch mit evangelisch.de berichtet Pastor Andreas-Michael Petersen von seinen Erfahrungen damit - und was andere Gemeinden möglicherweise daraus lernen können.

Herr Petersen, wie kam es zu dem Projekt einer eigenen App?

Andreas-Michael Petersen: Seit 2001 gibt es für den Großstadtbereich Hamburg die Website www.kirche-hamburg.de. Das ist die Seite der beiden Kirchenkreise Hamburg Ost und Hamburg West/Südholstein mit 171 Kirchengemeinden. Da lag der Gedanke nah, das auch mobil anzubieten. Als Team von Kirche in Hamburg haben wir uns dann für eine Hamburger Agentur entschieden, die zum Beispiel die "Stolpersteine"-App mit Wegweisern zu den früheren Wohnorten jüdischer Opfer des Nationalsozialismus erstellt hat.

Wie haben die Nutzer reagiert?

Petersen: Die erste Reaktion von sehr vielen Leuten war: "Toll, dass es so eine App gibt", verbunden mit der Überraschung darüber, dass Kirche sich auf diesen Weg begibt. Natürlich existieren schon andere Angebote wie den "Gottesdienstfinder" und das eine oder andere Angebot von Kirchengemeinden, aber in dieser Bandbreite gab es das bisher noch nicht.

Gab es auch kritische Stimmen?

Petersen: Manche fragten nach einer Android-Version für Smartphones, die nicht von Apple stammen. Die wollten wir eigentlich wenig später hinterherschieben. Aber da wir sowieso einen Relaunch planen und unsere Internetseiten künftig auch auf mobile Nutzer ausrichten wollen, kommt dann beides zusammen - und wir sparen 5000 bis 6000 Euro.

Ist das die finanzielle Größenordnung eines App-Projekts?

Petersen: Zusammen mit den Planungskosten ist es schon noch ein bisschen mehr. Für alles zusammen, also Planung, Entwicklung und zwei App-Versionen hatten wir 20.000 Euro veranschlagt. Zum Glück entstehen für den laufenden Betrieb keine Personalkosten, weil die App ja die Informationen aus der Datenbank unserer Website bezieht.

Die Hoffnung auf vermehrte Kircheneintritte ist nicht realistisch

Der Effekt einer Kirchen-App ist vermutlich schwer einzuschätzen, weil man kaum beziffern kann, wie viele Menschen nun zusätzlich in den Gottesdienst gehen. Wie gehen Sie mit der Frage nach dem Nutzen um?

Petersen: An Gottesdienstbesuchern, Konzertgängern oder gar Kircheneintritten kann man das nicht festmachen. Aber wir gehen mit dieser App einen Schritt auf die immer stärker werdende mobile Nutzung des Internet zu. Und das ist ein notwendiger Schritt, denken wir.

Ihre App könnte auch spielerische oder interaktive Inhalte enthalten. Wieso haben Sie sich stattdessen ausschließlich für informative Inhalte entschieden?

Petersen: Mit dem Interaktiven ist es so eine Sache. Wenn man das will, muss man die entsprechenden personellen Ressourcen zur Verfügung haben. Bei unseren Planungen stand der Informationswert klar im Vordergrund. In unserem großstädtischen Umfeld haben wir es oft mit Menschen zu tun, die sich in den kirchlichen Strukturen gar nicht so auskennen, trotzdem aber das kirchliche Angebot nutzen wollen. Hier wollen wir bewusst Informationen liefern: Aktuelles, Gottesdienste, Konzerte, wichtige Anlaufstellen, oft mit Bildern und weiterführenden Links. In einem nächsten Schritt planen wir, unsere App mit weiteren Funktionen ausstatten: Umkreissuche, Favoriten-Speicherung und Ähnliches.

Wie viel regelmäßige Pflege braucht eine solche App?

Petersen: So wie wir es gemacht haben, eigentlich wenig. Entscheidend ist, dass umfassende Inhalte vorhanden sind, und vor allem daran arbeiten wir. Den Konzertbereich decken wir schon zu 100 Prozent ab, bei den Gottesdiensten wollen wir das in noch diesem Jahr erreichen. Die Daten dafür geben die Kirchengemeinden ein, die aktuellen Meldungen unsere Internet-Redakteurin. So läuft die App größtenteils automatisch mit. Dass sie keine großen laufenden Kosten erzeugt, war allerdings auch eine Vorbedingung für das Projekt.

"Die wichtigste Frage: Was will ich mit einer App bezwecken?"

Sie sind selbst Pastor. Wie sinnvoll ist es für einzelne Kirchengemeinden, eine App in Auftrag zu geben?

Petersen: Meistens entstehen solche Ideen, weil es in der Kirchengemeinde oder im Vorstand jemanden gibt, der sich mit der Materie schon auskennt oder sogar selbst Apps programmiert. Die wichtigste Frage ist aber, was man damit vorhat. Zum reinen Darstellen der Gemeindearbeit zweifle ich am Sinn einer App. Kirchengemeinden haben ihren Schwerpunkt in den sozialen Beziehungen. Da wäre es denkbar, stärker in sozialen Netzwerken wie Facebook präsent zu sein und dafür ein Angebot zu entwickeln. Für die gemeindlichen Informationen reicht gerade bei kleineren Gemeinden eine gute Website.

Also lohnt sich eine eigene App in Ihren Augen vor allem für große Gemeinden, Kirchenkreise und Landeskirchen?

Petersen: Genau. Und vor allem im städtischen Bereich. Obwohl das zurzeit noch wenig bis gar nicht genutzt wird, von einzelnen Gemeindeangeboten wie z. B. "Lutherisch in Nordhorn" abgesehen. Aber das wird sich sicher ändern.

Nun hat nicht jeder Smartphone-Besitzer ein iPhone. Kirchliche Android-Apps für die Konkurrenz-Plattform zu der von Apple gibt es offenbar noch gar nicht. Wie sieht das perspektivisch aus?

Petersen: Das Problem ist, dass beim Android-System anders als bei iOS von Apple die aktuell genutzten Versionen sehr unterschiedlich sind und noch dazu in ihrer Darstellung variieren. Darum behelfen wir uns künftig - ähnlich wie etwa das "Hamburger Abendblatt" - mit einer mobilen Webseite ohne zusätzlichen Technikaufwand, die neben den Android-Smartphones auch Blackberrys und andere Mobilgeräte bedient. Mit Apps für Apple-Geräte hingegen ist technisch noch mehr möglich. Da wollen die Entwicklung beobachten und gegebenenfalls weiter zweigleisig fahren.

QR-CodeMit nebenstehendem QR-Code lässt sich die App der Hamburger Kirche bequem per Kamera auf das iPhone laden. Dazu muss das Handy über ein Programm zum Lesen solcher Codes verfügen, das seinerseits kostenlos im App-Shop erhältlich ist.