Anschreiben gegen die "Deadline"

Deadline - schreiben bis zum Tod

Foto: fotolia/Mellimage/Melanie Kintz

Der niederländische Journalist Albert de Lange ist an Darmkrebs erkrankt - und will weiter schreiben. Bis zum Schluss.

Anschreiben gegen die "Deadline"
40 Jahre lang war Albert de Lange Journalist. Dann wurde Krebs bei ihm diagnostiziert. Nun schreibt der Niederländer eine Kolumne, wie sein Leben zu Ende geht. Die letzte Folge soll am Tag nach seinem Tod erscheinen.

Das Ende der Geschichte ist schon bekannt. Albert de Lange wird sterben. Trotzdem wird seine Kolumne gelesen - vielleicht auch gerade, weil das Ende bekannt ist. "Gespannt sind natürlich alle vor allem auf die letzten Kolumnen", sagt er.

Drei Jahrzehnte hat de Lange für die Tageszeitung "Het Parool" in Amsterdam gearbeitet. Dann wurde Darmkrebs bei ihm diagnostiziert. Nun schreibt er eine Kolumne, wie sein Leben zu Ende geht. "Deadline" heißt die Serie, die seit Oktober samstags auf Seite sieben der Zeitung gedruckt wird.

Von Tag zu Tag leben

Journalisten sind gut darin, von Tag zu Tag zu leben. Ihr Ziel am Horizont ist die Ausgabe des nächsten Tages. Diese Einstellung zum Leben helfe, wenn man nicht wisse, ob man den Tag übermorgen noch erreiche, sagt de Lange. Nun schreibt er gegen eine ganz andere "Deadline" an - eine echte "Todeslinie".

Gut 20 Kolumnen hat er schon geschrieben, wie viele es noch werden, weiß er nicht. Er geht davon aus, dass er im Sommer nicht mehr leben wird, wenn sein Sohn das Studium abschließt. Noch gehe es ihm gut. Sein Tod aber sei schon geplant, sagt er, am Tisch sitzend in einer Wohnung am äußersten Westrand des Amsterdamer Stadtzentrums. Durch das Fenster vorne blickt man auf die Straße und eine breite Gracht, auf der anderen Seite auf die Terrasse.

"Wenn das Leiden beginnt, rufe ich den Arzt"

"Wenn das Leiden beginnt, rufe ich den Arzt an und wir beginnen", erzählt de Lange. Er würde den letzten Text schreiben. Ein letztes Mal das E-Mail-Programm öffnen. Abschicken. Am Abend würde ihm der Arzt das Mittel geben, das ihn einschlafen und nicht mehr aufwachen ließe. Am Tag danach soll dieser letzte Text gedruckt werden. So stellt er sich das Ende vor. Er blickt zur Decke und schweigt einen Moment.

Albert de Lange (57), ein groß gewachsener Niederländer, das Haar zurückgekämmt, ist kein sentimentaler Typ. "Für mich ist das die letzte Möglichkeit, in der Zeitung zu stehen", sagt er und grinst. Seine Kolumnen drücken mit keinem Wort Trauer oder Verzweiflung aus. Sie drehen sich um Fragen, die ihn beschäftigen. Manchmal sind sie auch überraschend leicht, wenn er über kochende Enkelkinder an seinem - wahrscheinlich - letzten Weihnachtsfest schreibt.

In einem Text geht es um die Frage, wie er beerdigt werden möchte. De Lange beschreibt, wie er in der ruhigen Stille eines Sonntags über einen Friedhof schlendert. Lange dachte er, er wolle auf dem Land in der Nähe seines Urgroßvaters begraben werden. "Aber ein paar Jahre später waren die mächtigen Zypressen auf einmal gefällt, blies ein rauer Wind zwischen den Grabsteinen und stieß mich der Trödel aus Vasen, Putz-Eimerchen und die misslungene Individualität der Gräber ab", schrieb de Lange im November. So sei der Gedanke entstanden, kein Grab, sondern eine Kremation zu wollen.

Alles erreicht

Als Kind hat de Lange Artikel ausgeschnitten und seine eigene Zeitung gebastelt. Später wurde er Journalist und blieb es 40 Jahre lang, 30 Jahre davon im Dienst von "Het Parool", der Hauptstadt-Zeitung. Er leitete die Schlussredaktion, die Nachrichtenredaktion und war zuletzt Reporter. Durch Mosambik zur Zeit des Bürgerkriegs ist er gereist, in Berlin hat er kurz nach dem Fall der Mauer gewohnt. Er habe nicht das Gefühl, noch mehr erreichen oder noch etwas tun zu müssen, sagt er.

Nur einmal habe er Sterbehilfe aus der Nähe erlebt - als Journalist. Es sei sein erster und letzter Fall gewesen, erzählt de Lange. Ein Arzt hatte ihn in den 1990er Jahren gefragt, ob er dabei sein wolle, als ein Mann aus dem Leben schied. Damals war auch in den Niederlanden Sterbehilfe noch nicht erlaubt. Der Arzt wollte einen Reporter zur Rückendeckung, und der alte Mann wollte darauf aufmerksam machen, dass Sterbehilfe eine Erlösung sein kann. De Lange sprach noch kurz mit dem Mann. Dann versuchte er - mit Tränen in den Augen - hinter einer Zimmerpflanze zu verschwinden, während der Arzt den Mann sterben ließ. "Selten habe ich mich so deplatziert gefühlt", schreibt de Lange in seiner Kolumne.

Nun nähert sich der Moment seines eigenen Todes. Die Kolumnen helfen, die Gedanken zu ordnen, erzählt de Lange. Auch andere Menschen scheint er damit zu erreichen: In all den Jahren habe er auf wenige seiner Texte so viele Zuschriften bekommen wie auf die "Deadline"-Texte. Jede Woche bekommt er Dutzende E-Mails von anderen Krebspatienten oder Angehörigen.