Luise Schottroff und ihre Begabung für Freundschaften

Luise Schottroff (links) mit Claudia Janssen

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Luise Schottroff (links) mit Claudia Janssen

Luise Schottroff und ihre Begabung für Freundschaften
Ein Nachruf von Claudia Janssen
Sie war Neutestamentlerin, Feministin und Befreiungstheologin. Sie hat die Bibel ernst genommen, genau hingeschaut, übersetzt, geforscht und sich politisch engagiert. Luise Schottroff starb am 8. Februar im Alter von 80 Jahren in Kassel. Ihre Freundin und Kollegin Claudia Janssen hat sie begleitet - und bis zum Schluss von ihr gelernt.

Luise Schottroff hat uns gelehrt, die Bibel neu zu lesen, sie genau zu lesen. Sie hat uns die Begeisterung am Entdecken vermittelt, die getragen war von ihrer Freude an der Theologie und am Leben. Sie war eine besondere Lehrerin, die immer auch an ihrem Gegenüber interessiert war. Ihre Inhalte vermittelte sie mit großer Menschenliebe. Sie lehrte an den Universitäten Mainz, Kassel, Berkeley und New York, 2007 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg verliehen. Sie unterrichtete darüber hinaus in vielen Studienzentren, auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, in Gemeinden und überall dort, wo sie Menschen begegnete, die Fragen an die Bibel und ans Leben hatten.

Es war stets ein intensiver und lebendiger Austausch mit langen Gesprächen noch am Abend beim Wein, die sich immer auch um aktuelle gesellschaftliche Fragen drehten. Politisches Engagement und eine tiefe, von biblischer Tradition getragene Frömmigkeit kamen bei ihr zusammen. Sitzblockaden im Hunsrück vor den dort stationierten amerikanischen Raketen in den 1980er Jahren gehören ebenso zu ihrer Biographie wie Bibelarbeiten mit Dorothee Sölle auf den Kirchentagen und eine Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen.

Luise Schottroff hatte eine besondere Begabung für Freundschaften. Bis zuletzt war ihr Leben eingebunden in ein Netz von Beziehungen. Diese seien ihr "Sterbeglück", die Freundschaften, die sie ihr Leben lang getragen haben. In der Zeit ihrer Krankheit ist ein Netzwerk von Freundinnen und Freunden entstanden, die sich auch gegenseitig unterstützen. Ihr war klar, dass sie sterben musste, doch dem Tod hat sie bis zuletzt keine Macht geben wollen. Die Angst wurde überwogen von ihrer Lebensfreude und dem Bewusstsein, in die wunderbare Schöpfung Gottes eingebunden zu sein. Bis zuletzt war sie für viele, die ihr begegnet sind, eine wichtige Lehrerin – für das Leben und das Sterben.

Luise Schottroff wurde 1934 in Berlin geboren, sie stammte aus einer Familie, die sich in der Bekennenden Kirche gegen den Nationalsozialismus gestellt hat. Ihr Vater war Pfarrer, ihre Mutter war von der Frauenbewegung geprägt. Die unterrichtet ihre Kinder zuhause, solange es möglich war, damit sie nicht dem öffentlichen Schulsystem ausgeliefert wären. Nach dem Theologiestudium arbeitete Luise Schottroff als Assistentin an der Universität Mainz und habilitierte sich dort.

Sozialgeschichte und Theologie gehören für sie zusammen

In den späten 1960er Jahren hat sie dort die politisch engagierten Studierenden erlebt, die sie mit ihrer Begeisterung angesteckt haben. In diesen Gruppen war es verpönt, die Bibel ernst zu nehmen. Sie galt als konservativ und überflüssig, allenfalls dafür geeignet, sich gegenüber Kirchenleitungen zu rechtfertigen, wenn man für politische Anliegen eintrat. Luise Schottroff hat nach Wegen gesucht, ihre Freude an der biblischen Tradition mit diesen politischen Aufbrüchen zu verbinden. Zusammen mit ihrem Mann Willy Schottroff, der in Frankfurt am Main Altes Testament lehrte, machte sie sich auf den Weg, die Bibel sozialgeschichtlich auszulegen. Ein wichtiger Meilenstein war der 1970 vom Ökumenischen Rat der Kirchen verabschiedete Anti-Rassismus-Beschluss. Luise Schottroff erlebte, wie in kirchlichen Synoden und theologischen Fakultäten dagegen intrigiert wurde und Studierende unter Druck gesetzt wurden, die sich für dessen Umsetzung engagierten.

Ihr sozialgeschichtlicher Zugang zu den Texten war von Anfang an mit dem Anspruch verbunden, auch auf aktuelle Fragen Antworten geben zu können. 1978 veröffentlichte sie zusammen mit Wolfgang Stegemann das Buch "Jesus von Nazareth – Hoffnung der Armen". Von da an wurde sie auch über die Universitäten hinaus eine bekannte Theologin, die Generationen von Studierenden und Menschen in den Kirchen geprägt hat. 2007 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Marburg verliehen Zu den zahlreichen Arbeiten, die aus dem sozialgeschichtlich-befreiungstheologischen Ansatz Luise Schottroffs hervorgegangen sind, gehört das mit anderen 2009 herausgegebene "Sozialgeschichtliche Wörterbuch zur Bibel".

Vieles, was Luise Schottroff in den Jahrzehnten ihres wissenschaftlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Lehrens, Schreibens und Wirkens entwickelt hat, fand in dem 2013 erschienenen Kommentar zum ersten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth seinen Niederschlag. Darin zeigt sie, dass das Schreiben des Paulus an die korinthische Gemeinde an konkrete Menschen gerichtet ist, zu denen nicht viele Weise, Mächtige und durch Geburt Privilegierte gehörten, sondern Ungebildete, von Geburt Benachteiligte, Verachtete, die "Nichtse" der römischen Gesellschaft. Sozialgeschichte – das heißt für sie, sich um die Fragen von Ökonomie, von Gewalt und Kindersterblichkeit zu kümmern. Sozialgeschichte dürfe sich jedoch nicht allein auf historische Rekonstruktion der realen Lebensverhältnisse beschränken – aber nur in diesem Kontext sei Theologie überhaupt verstehbar. Sozialgeschichte und Theologie gehören für sie unauflösbar zusammen. Nur in ihrer Verbindung werde daraus das, was sie "Befreiungstheologie im Kontext der 'ersten' Welt" genannt hat.

Ein Netzwerk von Theologinnen

Ihre Arbeit war zudem maßgeblich beeinflusst vom christlich-jüdischen Dialog. Dass Jesus und Paulus Juden waren, ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Aber es gibt eine fatale und Jahrhunderte alte antijüdische Tradition, sie so zu verstehen, als wären sie zugleich oder überhaupt nur die ersten Christen gewesen. Ihr wissenschaftliches Leben hindurch hat Luise Schottroff daran gearbeitet aufzudecken, was es für christliche Theologien heute bedeutet, das Neue Testament als jüdische Schrift des ersten Jahrhunderts zu lesen. In ihrem Buch über die Gleichnisse Jesu, das 2005 erschienen ist, werden die Gleichnisse konsequent von ihrem jüdischen Hintergrund her gelesen. Die Beschäftigung mit rabbinischen Gleichnissen hat dabei wesentlich dazu beigetragen, die vorherrschende allegorische Deutung in christlicher Auslegung und Predigt in Frage zu stellen.

Und natürlich war die feministische Theologie ein wesentlicher Schwerpunkt der Arbeit von Luise Schottroff, in der Außenwahrnehmung manchmal sogar der Schwerpunkt. Zusammen mit anderen gründete sie 1986 die European Society of Women in Theological Research (ESWTR) und hat damit ein Netzwerk geschaffen, das heute für Theologinnen aller Fachrichtungen unverzichtbar ist. 1991 hat sie das "Wörterbuch der feministischen Theologie" mit herausgegeben, 1998 zusammen mit Marie-Theres Wacker das "Kompendium feministische Bibelauslegung". 1997 war sie Mitgründerin von "GrenzgängerIn. Verein zur Förderung feministischer Theologie".

Dennoch war die feministische Theologie für Luise Schottroff kein isoliertes Arbeitsfeld. Sie war untrennbar mit einer befreiungstheologisch ausgerichteten Sozialgeschichte und mit der Verwurzelung im christlich-jüdischen Dialog verbunden. Nicht umsonst sind dies ja auch die drei Perspektiven, die in der "Bibel in gerechter Sprache" zusammenkommen, zu deren Mitherausgeberinnen Luise Schottroff gehört. Darin hat sie u.a. das Matthäus-Evangelium übersetzt. Bis kurz vor ihrem Tod hat sie an einem Kommentar zu dieser für sie faszinierenden Schrift gearbeitet, ein Projekt, das nun von anderen weitergeführt werden muss.

Luise Schottroff ist am 8. Februar 2015 in Kassel nach langer Krankheit im Hospiz gestorben. Sie hinterlässt eine große Familie: Ihren Sohn, Enkelkinder, Schülerinnen und Schüler, Freudinnen und Freunde. Wir vermissen sie sehr.

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