Pflegenest statt Bettgitter

Eine an Demenz erkrankte Bewohnerin liegt in ihrem Zimmer im Seniorenzentrum Theresienau in Bonn neben ihrem Bett auf einer Matratze.

Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Eine an Demenz erkrankte Bewohnerin liegt in ihrem Zimmer im Seniorenzentrum Theresienau in Bonn neben ihrem Bett auf einer Matratze.

Pflegenest statt Bettgitter
In vielen Altenheimen werden Bewohner an ihr Bett gefesselt. Das bewahrt sie vor Stürzen, wenn sie alleine aufstehen. Immer mehr Heime versuchen, auf das Fixieren zu verzichten. Die Zahl der Verletzungen nimmt trotzdem nicht zu.

Anni schläft zusammengekauert auf einer violett bezogenen Matratze. Das Bett der 83-Jährigen ist fast auf Bodenhöhe heruntergefahren, links und rechts ist alles weich mit Matratzen und Kissen abgepolstert. Seit zwei Jahren hat sich das Evangelische Seniorenzentrum Theresienau in Bonn von Gittern, Gurten und anderen Hilfsmitteln verabschiedet, mit denen die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Ein Trend, der sich offenbar langsam durchsetzt.

Schon vor 20 Jahren machte sich der Bonner Gerontopsychiater und Altersforscher Rolf Hirsch mit seiner Initiative "Handeln statt Misshandeln" dafür stark, Fixierungen in Seniorenheimen abzuschaffen. "Egal, wo ich damals hinkam, das wurde rundweg abgelehnt", erinnert er sich. Heute gingen die Heime mit dem Thema anders um. Es gebe eine deutliche Entwicklung zu weniger Fixierungen, stellt Hirsch erfreut fest.

Noch weniger Bewegung

Allerdings werden in vielen Einrichtungen immer noch alte Menschen mit Gurten ans Bett gefesselt, um zu verhindern, dass sie aufstehen und stürzen. Solche Fixierungen müssen von einem Richter genehmigt werden. Von 2000 bis 2010 hatten sich nach Angaben des Justizministeriums die gerichtlich erlaubten Fixierungen bundesweit auf fast 100.000 verdoppelt. Und vor zwei Jahren stellte der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen (MDS) in einer repräsentativen Untersuchung fest, dass bei jedem fünften Seniorenheimbewohner freiheitseinschränkende Maßnahmen eingesetzt werden. Das können neben Gittern oder Gurten auch Medikamente sein. "Wir sind nicht glücklich mit diesen Zahlen", sagt MDS-Pflegeexperte Jürgen Brüggemann.

Dass Gurte und Gitter nicht sein müssen, sei unter Experten schon seit langem unbestritten, sagt Hirsch. Es gebe eine Vielzahl anderer Möglichkeiten, um Stürze bei alten Menschen zu verhindern. Im Seniorenzentrum Theresienau werden zum Beispiel statt Bettgittern nun sogenannte Pflegenester aus Matratzen und Kissen gebaut. So ist die Gefahr, aus dem Bett zu stürzen, gebannt und die Senioren haben nach wie vor Bewegungsfreiheit. "Seit die Einrichtung auf Fixierungen verzichtet, gibt es weder höhere Sturz- noch höhere Verletzungsraten", sagt Heimleiter Michael Thelen.

Tatsächlich hätten die Fixierungen mehr Nach- als Vorteile gehabt. Zusätzlich zur psychischen Belastung hätten Bettgitter und Gurte die Senioren daran gehindert, mobil zu sein, sagt Thelen. Durch den Bewegungsmangel seien die Menschen aber noch pflegebedürftiger geworden. Zudem können Gitter und Gurte zu Verletzungen führen. So sei es vorgekommen, dass Senioren beim Versuch, über das Gitter zu klettern, stürzten oder sich an Gurten wund scheuerten.

Es gibt keine Pflegebetten ohne Gitter

In Bonn begann ein Arbeitskreis aus Richtern, der Betreuungsbehörde und Heimleitern 2011 damit, nach Alternativen zu suchen. Mit großem Erfolg: Von 2012 auf 2013 gingen die Anträge auf richterlich angeordnete Fixierungen beim Amtsgericht von 110 auf 53 zurück. In der ersten Hälfte dieses Jahres gab es lediglich 21 Anträge. Die zuständige Richterin, Gabriela Wester, führt das auch auf zahlreiche Schulungen und Informationsveranstaltungen für Anwälte, Angehörige, Heimleiter und Betreuer zurück.

Bonn komme mit diesem Modell eine Vorreiterrolle zu, lobt der nordrhein-westfälische Justizminister Thomas Kutschaty (SPD). Inzwischen arbeiteten 41 der 130 nordrhein-westfälischen Amtsgerichte nach ähnlichen Prinzipien, weitere 26 seien auf dem Weg dahin. Kutschaty sieht sein Bundesland auf dem Spitzenplatz, wenn es um den Rückgang richterlich angeordneter Fixierungen geht. Die Zahl der Genehmigungen sei in den vergangenen vier Jahren um 40 Prozent gesunken.

Für Thelen steht fest, dass Fixierungen nicht nur unnötig, sondern auch schädlich sind. "Tatsächlich geht es den Menschen bei uns jetzt besser", stellt er fest. Am liebsten wäre es dem Heimleiter, es gäbe überhaupt keine Bettgitter mehr in seinem Haus. Aber Pflegebetten ohne Gitter gebe es bislang nicht zu kaufen, stellte er fest.